Corona-Proteste: Arme Würste, gefährliche Nazis oder was?

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Der Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma beantwortet die Fragen einer Journalistin der taz zu den Corona-Protesten:

Gibt es keinen ideologischen Kitt, der diese Gruppe zusammenhält?

Nein, da zählen nur die Affekte. […]

Was glauben Sie, wo die Bewegung hinsteuert?

Die steuert nirgendwo hin. Sie tut, was sie tut, bis zu einem Erschöpfungspunkt, der möglicherweise bald erreicht ist, oder sie wird eine Bewegung mittlerer Dauer, weil es so großen Spaß macht teilzunehmen.

Dass es sich um bei den Corona-Protesten um Zusammenkünfte von Menschen handelt, die bzgl. ihrer Weltanschauungen, Lebensstile und Ziele keine große Schnittmenge haben, war auch mein Eindruck, als ich Anfang des Monats vor der Volksbühne in Berlin zu Besuch war, mit ein paar Leuten gesprochen und die Fotos in diesem Blogposting gemacht habe.

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Der von linken Kritiker*innen (und implizit auch von diesem Banner an einer Häuserfassade am Rosa-Luxemburg-Platz) vorgebrachte Begriff der »Querfront« unterstellt deshalb eine Anschlussfähigkeit (oder auch nur einen Willen zur Anschlussfähigkeit), die analytisch womöglich am Gegenstand der Kritik vorbeigeht.

Denn: Dass da Neo-Nazis mitgelaufen sind, ist keine Lappalie, macht aber aus der Veranstaltung noch keine Querfront-Veranstaltung. Und die Befürchtung, eine Bewegung könne von Neo-Nazis gekarpert werden, setzt die Existenz einer Bewegung voraus – oder die Fähigkeit der Neo-Nazis, aus disparaten Zusammenkünften eine Bewegung zu formen. Beides kann man mit Reemtsma für fraglich halten. Die Gelassenheit, die er an den Tag legt, trägt vielleicht zur Versachlichung der Diskussion unter den Kritiker*innen der Hygienedemos bei. Und das wäre ja nicht schlecht.

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Was mich an Reemtsmas Aussagen stört, ist eine gewisse Arroganz, die aus ihnen zu sprechen scheint. Denn die Proteste gegen die Kontaktsperre und andere präventive Maßnahmen sind nicht identisch mit den Pegida-Protesten, also den Protesten gegen eine fiktive »Islamisierung« eines ebenso fiktiven »Abendlandes«. Hier, im Falle von Corona, gibt es nun tatsächlich Sorgen und Nöte von Bürger*innen, die man ernstnehmen könnte und wohl auch sollte.

(Was nicht gleichbedeutend ist damit, die verhältnismäßig wenigen Demonstrant*innen mit der Mehrheit der Bürger*innen zu verwechseln oder damit, alle Anliegen der Demonstrant*innen für legitim zu halten.)

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Ich bin sofort bereit zu akzeptieren, dass Affekte eine wichtige treibende Kraft dieser Proteste sind, vielleicht sogar noch mehr als bei vielen anderen Protesten, auf die das aber zumindest in Abstufungen auch zutrifft, und dass es unter vielen Hygienedemonstranten und einigen ihrer schauerhaft singenden, vegan kochenden und YouTube vollquatschenden Anführern eine ausgeprägte Bedürftigkeit nach dem Verspüren von Selbstwirksamkeit (und sei es nur eine gefühlte Selbstwirksamkeit) gibt.

Aber nahezulegen, dass es hier im Wesentlichen um emotional regredierende Typen geht, die ihre »kleinkindhafte Angst vor dem Pieks« (so Reemtsma wörtlich) zu einer globalen Impf-Verschwörung aufblasen: Nee, das bringt uns analytisch auch nicht weiter.

Das ganze Interview mit Jan Philipp Reemtsma von Katharina Schipkowski gibt es online bei der taz.

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