YASO: Die Spuren eines Sprühers in Ottensen

YASO, Große Rainstraße, Hamburg (April 2019)
YASO, Große Rainstraße, Hamburg (April 2019)

Manche Leute sagen, dass Gerüche eine besondere Kraft haben, Erinnerungen zu wecken. Oder Melodien, die man lange nicht mehr gehört hat. Das ist bestimmt alles wahr. Aber für mich gibt es noch etwas, das Erinnerungen triggert: Straßenecken.

Mitte der Nullerjahre zog ich – eher widerwillig – nach Hamburg und fing hier ein Studium an. Auf der Reeperbahn standen damals noch Koberer (»Sssss-tehn geblieben, Freunde des Sexualsports!«). In Ottensen gab es noch Bunker und Brachland. Und für das Geld, das man heute für eine Eigentumswohnung zahlen muss, hätte man damals drei bekommen. OK, ich übertreibe: zweieinhalb.

Es ist nicht lange her, aber einige Sachen sind unwiderbringlich verloren. Zum Beispiel Buchstaben, die auf Wänden standen. Damals sind mir zwei Graffiti-Pieces aufgefallen, an denen ich fast täglich vorbeikam und die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben.

Das eine war ein Schriftzug, den man aus der S-Bahn sah, wenn man aus Altona kommend stadteinwärts fuhr. Über der Sternbrücke stand: »Krieg der Antigraffiti«. Oder genauer: »KKeieg der Antigraffiti«. Die martialische Parole und ihr Kontrast zur irgendwie unbeholfen krakeligen Schrift mit dem Verschreiber: Vielleicht war das der Grund, warum sich dieses Bild einprägte.

Erst später checkte ich, dass OZ. diesen Schriftzug gesprüht hatte, also die Graffiti-Legende in Hamburg. Ein Sprayer, an den dieser und dieser und dieser Bildband und ein Wikipedia-Eintrag erinnern, dessen Grab in Ohlsdorf so reich verziert wurde wie das von Jim Morrison in Paris und dessen Name immer noch getaggt wird, obwohl er 2014 gestorben ist. Der »KKeieg«-Schriftzug ist heute teilweise von einem anderen überdeckt, auf diesem Foto kann man ihn noch sehen.

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YASO, Mottenburger Straße, Hamburg (April 2019)
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YASO, Mottenburger Straße, Hamburg (April 2019)

Der andere Schriftzug, der mich faszinierte, war ungleich anonymer. Weder weiß ich etwas über seinen Urheber (oder seine Urheberin), noch scheint es ein öffentlich zugängliches Foto davon zu geben, jedenfalls nicht im Netz, auch nicht auf Google Streetview. In Ottensen, Ecke Schützenstraße und Bahrenfelder Steindamm, stand an einer Fassade über einer Brache: »YA ich bin SO«.

Es war klar, dass der Mensch, der das dort hinterlassen hatte, YASO als Namen führte, mit dem er spielte. Das war also schon mal lustig. Und dann die Lettern: Flächig, kantig, nicht besonders ambitioniert, aber sehr einprägsam. Sie sahen aus, als wären sie nicht gesprüht, sondern mit einer Farbrolle gemalt worden.

Im Februar 2019 – die Stadt hatte sich verändert, ich mich auch, inzwischen war ich in Hamburg glücklich & sesshaft & Vater geworden – ging ich in Elternzeit. Ich lief also viel durch die Straßen von Altona, mit Kinderwagen und leicht sediert vom nächtlichen Schlafmangel. Und während ich einige Jahre zuvor plötzlich überall Sticker im Design des Run-D.M.C.-Logos gesehen hatte und diese zu fotografieren begann (lange Geschichte, hier geht sie los), entdeckte ich nun YASO-Schriftzüge, wohin ich auch blickte.

Kaum ein Schriftzug glich dem anderen. Es gab »YA ich bin SO« (allerdings nicht mehr an der Schützenstraße, denn da war jetzt eine Baustelle) und »Das muss YA SO sein« und »YASOYASOYASO« und »YASO« über Eck, an der einen Wand »YA«, an der anderen »SO«. Ich war allein unterwegs mit dem schlafenden Baby und ich hielt mich bei den oft öden Spaziergängen damit bei Laune, diese Schriftzüge zu suchen, die über Altona verstreut waren, vor allem in Bahrenfeld und Ottensen.

YASO, Friedensallee, Hamburg (April 2019)
YASO, Friedensallee (Hinterhof), Hamburg (April 2019)

Nicht, dass es hier zu Missverständnissen kommt: Seinen Namen an anderer Leute Wände zu schreiben, ohne vorher zu fragen, ist nicht okay und außerdem verboten.

Aber die Schriftzüge des Menschen, der sich YASO nennt, habe ich trotzdem zu lieben begonnen. Sie waren oft blockig, simpel, schnell gemacht und dabei äußerst effektiv (YASOs neuere, kleinteiligere Buchstaben – wie weiter unten auf dem Foto mit dem Bauzaun – finde ich weniger interessant). Und sie waren originell und humorvoll – immer mit kleinen Variationen und Verschiebungen im Design und im Spiel mit der Bedeutung dessen, was »YA« und »SO« heißen kann.

Im Februar 2019 fing ich an, die Pieces zu fotografieren. Aus der Hand, mit dem Handy, ein Hobby halt. Einige Monate hielt ich das durch. Dann vergaß ich das Vorhaben.

Doch heute kam ich auf einem Parkplatz in der Mendelssohnstraße an einer Wand vorbei, die ich erstmals ohne davor parkende Autos sah – nix los, Corona sei Dank! – und machte einen Schnappschuss. Wieder zu Hause scrollte ich auf meinem Handy durch die Fotos, die ich schon angesammelt hatte und beschloss: Das Projekt YASO ist jetzt an einem Punkt, wo ich ihm einen Abschluss gebe und einige der Bilder hier veröffentliche.

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YASO, Bahrenfelder Steindamm (Hinterhof), Hamburg (April 2019)
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YASO, Bahrenfelder Steindamm (Hinterhof), Hamburg (April 2019)

Hier also: Eine Auswahl aus meiner kleinen YASO-Sammlung. Ich kann keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Schon deshalb nicht, weil YASO definitiv ein mutigerer Kletterer ist als ich. Oft sind seine Buchstaben hoch oben unter den Kanten von Fassadenwand und Dach zu sehen. Ich hingegen blieb beim Dokumentieren stets auf Straßenebene und musste deshalb auf einige Motive verzichten, die perspektivisch einfach nicht gut einzufangen waren.

Andere Fotos, etwa aus der Ottenser Hauptstraße oder von der Fassade von Mr. Dam, hatten ständig irgendwelche Leute mit drauf, deren Gesichter ich hier ebensowenig veröffentlichen will wie die Kennzeichen parkender Autos. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich Bahrenfeld und Ottensen systematisch abgelaufen wäre. Diese Fotos entstanden eher zufällig. Wer weiß, wie viel YASO-Pieces ich übersehen habe. (Eventuell liefere ich 2021 noch mal einen Schwung nach?)

Aber egal. Vielleicht finden ja Menschen zu diesem Posting, die meine kleine Schwärmerei für den Style dieses Sprühers teilen. Oder – irgendwann in ferner Zukunft – Fotos von unvergessenen, aber längst überdeckten Pieces suchen. Und hier fündig werden. Das wäre mir eine Freude.

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YASO, Daimlerstraße, Hamburg (Mai 2020)

P.S.: Ah, und falls YASO oder seine Abmahn-Anwälte dieses Posting sehen: Schickt mir ’ne Mail.

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YASO, Bahrenfelder Steindamm Ecke Bahrenfelder Chaussee, Hamburg (Februar 2019)
YASO, Mendelssohnstraße (April 2020)
YASO, Mendelssohnstraße, Hamburg (April 2020)
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YASO, Bahrenfelder Steindamm (Hinterhof), Hamburg (April 2019)
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YASO, Kleine Rainstraße, Hamburg (April 2019)
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YASO, Hahnenkamp, Hamburg (April 2019)
YASO, Daimlerstraße Ecke Gasstraße (März 2019)
YASO, Daimlerstraße Ecke Gasstraße, Hamburg (März 2019)
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YASO, Langbehnstraße, Hamburg (Februar 2019)
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YASO, Gasstraße, Hamburg (März 2019)

Ein Kommentar zu „YASO: Die Spuren eines Sprühers in Ottensen

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