Große Freiheit: drinnen besser als draußen

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Die Große Freiheit ist zu. Anfang der Woche war ein trauriges Foto davon im Abendblatt abgedruckt, die Leuchtreklamen ausgeknippst, die Straße leer.

Wobei — wann war ich da eigentlich das letzte Mal, in der Großen Freiheit? Wahrscheinlich vor drei Jahren und damals bin ich schnell durchgehuscht, um zur Thai Oase zu kommen, wo ich auch nur hinwollte, weil Michalis Pantelouris dort aus seinem neuen Buch vorlas.

Die Große Freiheit: In Wirklichkeit eine furchtbare Straße, voller Suff & Stumpfsinn & Junggesellenabschieden. Insofern birgt die aktuelle Stubenhockerei auch die Chance, zu begreifen, was man da draußen alles nicht vermisst.

Große Freiheit, den biografisch inspirierten Roman von Rocko Schamoni über den Zuhälter Wolli Köhler und die frühen 1960er-Jahre auf St. Pauli, habe ich trotzdem gerne gelesen. Kieznostalgie ist nicht unproblematisch, wenn sie reales Leid & reale Ausbeutung & reale Gewalt verklärt.

Aber erstens gelingt es Schamoni ganz gut, dass die Gewalt als permanente und anschwellende Gefahr im Hintergrund der Romanhandlung lauert und immer wieder ausbricht — das hier ist also kein Buch über den vermeintlich harmlosen antibourgeoisen Schmuddelglanz des alten St. Paulis.

Und zweitens hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, diesen Roman mit der Realität zu verwechseln. Schamoni schreibt dafür zu „schmissig“ (Wortwahl courtesy of Deutschlandfunk Kultur), das ist alles ein bisschen zu schnell & zu comic-haft & zu passend gemacht, um authentisch zu sein.

(Beispiele: Bei seinem ersten Date landet Wolli ausgerechnet auf den ersten Beatles-Gig im Indra, wenn er in der Palette geht, sitzt da immer schon Hubert Fichte und macht sich Notizen für sein Buch, etc.).

Ich meine das nicht als Kritik, zumindest nicht als negative. Dieser Roman, ein Ausflug in eine Welt, die es so nie gegeben hat, kommt mir gerade recht als Trost in dieser Zeit, in der es sonst eher wenige Ausflüge gibt und schon gar keine Ausflüge auf St. Pauli.

Dass mich in echt auch vor Corona schon exakt nix mehr in die Große Freiheit gezogen hat, spielt da gar keine Rolle.

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