Bitte warnt mich vor schlechten Romanen!

Ich verstehe die Rezensent*innen nicht. Gestern war ich bei der Ham.Lit, dem wirklich tollen Festival für Literatur in Hamburg, und hörte die Lesung eines jungen Romanautoren. Wie jedem Auftritt ging auch seinem die Verlesung von Zitaten aus überschwänglichen Rezensionen voraus. In seinem Fall priesen die Kritiker*innen das poetische Sprachgefühl und den virtuosen Umgang mit verschiedensten Zeitebenen. Klang gut. Dann begann der Mann zu lesen.

Sein poetisches Sprachgefühl erschöpfte sich leider in Manierismen (ich meine mich an Worte wie »dünkte« und »wähnte« zu erinnern) und in falschen Bildern wie dem »Kribbeln im Knochenmark«.

Und die historische Meisterschaft? Na ja, in dem Text steht ein SDSler 1979 in einer Kneipe rum. Der SDS hat sich aber 1970 aufgelöst. Jede, die auch nur die Wikipedia-Seite zum Verband liest, weiß das. Und, nein, das ist nicht pedantisch: Es ist ein zentraler Bestandteil der historischen Erzählung der BRD, dass die Student*innenbewegung ab 1968 auseinanderzubrechen begann, dann: Mao-Fanclubs, Terroranschläge, Stadtteilkulturzentren, die Grünen, etc. Man muss sich dafür nicht interessieren, aber dann soll man bitte auch keine Romane darüber schreiben.

Ich möchte vor solchen Büchern gewarnt werden. Ich finde nicht, dass man jedem Menschen, der einen Roman geschrieben hat, dafür anerkennend auf die Schulter klopfen muss (so wie die Kritiken der Goslarschen Zeitung nach Auftritten des Frankenberger Kinderchors IMMER positiv waren — komisch, denn mir hatte die Chorleiterin gesagt: »Oskar, beim Konzert bitte nur den Mund bewegen, sonst brummt es so«, aber ich sang natürlich trotzdem).

That being said: Checkt bitte mal den Roman von Karosh Tana, Im Bauch der Königin, ich glaube, das könnte sich lohnen. Und für zornige, neurotisch verknotete, queer-feministische Akademiker*innen-Antifa-Lyrik: Lisa Jeschke. Und Freund*innen des Poetry Slams könnten sich mal Giulia Becker geben, die Literatur nach dem Nackte Kanone-Prinzip schreibt: Die Witze sind so doof, dass man gar nicht über sie lachen will, aber es sind so viele! Und sie kommen von überall!! Widerstand ist also zwecklos und nach fünf Minuten kugeln sich alle lachend am Boden aus Verzweifelung.

Ein schöner Abend.

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