Nazi-Lyrik lieben lernen

edf

Zornfried ist die Mediensatire, die Medienschaffende lieben. Jörg-Uwe Albig erzählt in seinem Roman von einem Reporter, der Kette raucht, Lederjacke trägt, Punkrock hört, langsam verspießert, aber noch davon träumt, der nächste Hunter S. Thompson zu werden (klingt wie ein Klischee? Yep, finde ich auch).

Dieser Reporter wird aufmerksam auf eine ungelenke, paramilitärische Straßentheatergruppe, die stark an die Identitären erinnert, und folgt ihrer Fährte bis auf die Burg Zornfried irgendwo im finsteren deutschen Wald, wo sich versprengte Ex-Offiziere, Mittelalter-Cosplayer und blonde Mädchen mit germanischen Vornamen um einen Dichter scharen, der archaische Agit-Prop-Lyrik rausholzt. Der Reporter ist aufgeregt. Und obwohl er bald merkt, dass er mit jedem Text und Online-Video, in dem er vor den Rechten warnt, bloß deren Fan-Base vergrößert, kann er von diesem Stoff nicht lassen.

Das alles finde ich als Medienkritik etwas klugscheißerisch und plump, aber es ist kurzweilig geschrieben und klar macht dieser Roman Journalisten Spaß, weil er ja von uns erzählt. Beim letzten Reporter-Workshop haben wir darüber gestritten, ob Homestorys aus Schnellroda unbedarft sind oder aufklärerisch, jetzt gibt’s auch noch einen Roman dazu, toll!

Leider verliert Albig (Achtung, Spoiler!) das Interesse an seinem Buch, bevor ihm ein passendes Ende dafür eingefallen ist. Nach 150 Seiten lässt er alle wichtigen Figuren sterben oder verschwinden und dreht den Plot einfach ab. Zack, bumms, Nazi tot, Roman vorbei.

Macht aber nichts, denn die fehlende Pointe wird nachgeliefert durch dessen Rezeption: Albig streut in seinem Buch immer wieder selbstgeschriebene rechtsradikale Lyrik ein. Und einige Rezensenten sind ganz aus dem Häuschen. »Der große Spaß, rechte Gedichte zu schreiben«, titelt Die Welt und ein Moderator von Deutschlandfunk Kultur schwärmt, die Gedichte seien »natürlich vom Inhalt eklig […] aber ästhetisch, rein und makellos«.

Jörg-Uwe Albig hat ein Buch geschrieben gegen die Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Denken. Und er triggerte damit eine Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Dichten. Vielleicht hat er mehr mit seinem Protagonisten gemein, als ihm lieb sein kann. Und das wäre doch wirklich eine gelungene satirische Pointe.

Ein Kommentar zu „Nazi-Lyrik lieben lernen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s