Analoge Wildnis in der digitalen Wüste

Die Zivilisation begann damit, dass unsere Vorfahren eine Lichtung in den Wald schlugen. So trennten sie die rohe Natur des Waldes von einer zweiten Sphäre und wurden durch diesen Akt der (Selbst-) Schöpfung von Wilden zu Kulturmenschen.

So beschreibt es der Philosoph Christoph Quarch, der in der Süddeutschen Zeitung eine (sehr kurze) Kulturgeschichte des Waldes veröffentlicht hat. Sie ist hier zu lesen. Die Metapher von Wald und Lichtung hat sich Quarch dabei von seinem Kollegen Giambattista Vico (1668–1744) ausgeliehen. Er schreibt sie fort, indem er den Einbruch des Digitalen in die stoffliche Welt als Entstehen einer »neuen Lichtung« beschreibt.

In der Beschreibung von Vico war es ein Blitz, der in die Dunkelheit des Waldes brach und unsere Vorfahren darauf aufmerksam machte, dass es ein Außerhalb des Waldes geben muss. Sie begannen, Lichtungen zu schlagen, Hütten und Städte zu bauen.

Laut Christoph Quarch erleuchtet uns nun ein neuer Blitz und weist uns den Weg ins Neue, Helle, Offene: das blau-weiße Glimmen unserer Displays.

Der Philosoph schreibt:

Was damit einhergeht, lässt sich nunmehr erahnen. Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben. Er wird mehr und mehr zum Großstadtdschungel, Sehnsuchtsort für Abenteurer, neue »wilde Männer«, die mit ihren dichten Bärten durch die Brachen welker Straßen streichen. Oder neuer Hexen und Sirenen, die sich den geordneten, sterilen und gut ausgeleuchteten Datenkorridoren der digitalen Welt entziehen.

Ich mag das romantische Bild der Stadt als neuer Wildnis (und damit auch: als Ort der Freiheit). Aber ich fürchte, der Philosoph könnte mit seiner Ahnung irren.

Das Bild des Großstadtdschungels ist ja nicht neu. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieb der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair die engen Mietskasernen und Schlachthöfe Chicagos als The Jungle, so der Titel eines seiner Romane.

Rund vierzig Jahre später schrieb sein Landsmann Nelson Algren in einer Kurzgeschichte von der Neon Wilderness der Städte. Aus dieser Zeit stammen auch die düsteren Städtebilder des Film Noir, an die ich bei Quarchs Zeilen denken musste. Ganz zu schweigen von William Burroughs und anderen Junkies, Strichern und Outlaws, die von Streifzügen durchs Unterholz der Stadt schreiben, von Gefahr, Freiheit und Verwandlung.

Die Wildnis der Städte ist seitdem jedoch – zumindest in der westlichen Welt – immer stärker eingehegt und befriedet worden. Im Deutschland der Nachkriegszeit wurden »naturwüchsige« Stadtteile, so sie den Krieg überhaupt überlebt hatten, teilweise abgerissen, die Stadt wurde modern und hell (und niemand vermisst heute die enge und modrige alte Stadt, stattdessen feiern wir allerorten 100 Jahre Bauhaus).

Erst seit einigen Jahrzehnten zieht es die Menschen wieder in die Altbauten, in denen die Dielenböden knarzen und damit leise an den Wald erinnern. Doch die Stadtviertel, in denen jene Wohnungen zu finden sind, sind nicht welk, feucht, düster und abenteuerlich, sondern hell ausgeleuchtet, glatt geschliffen, weißgetüncht und hyggelig.

Der Prozess der urbanen Befriedung wird weiter fortschreiten. Denn städtischer Raum und digitale Technik sind gerade keine Gegensätze, wie etwa das Reden von der »smart city« zeigt. In Zeiten der Digitalisierung werden die Städten im Sinne von Quarchs Metapher nicht wilder, sondern lichter. Sie werden durch die Technik noch berechenbarer und noch besser gesteuert und kontrolliert werden.

Andererseits – Orte, die sich als analoge Wildnis mitten in der digitalen Stadt inszenieren, die gibt es und vielleicht werden es noch mehr werden. Einer von ihnen, an dessen Tür man seine Handykamera abkleben muss und dann in die Dunkelheit abtaucht, heißt womöglich nicht ganz zufällig: Berghain.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s