Brillen, Blumen, Nazis & Karl May

Eine Notiz zur zehnten Ham.Lit, der langen Nacht der jungen Literatur

Werbeanzeigen

Donnerstagabend, kurz vor Mitternacht, im Hochbunker an der Feldstraße in Hamburg. Die Bühnendeko ist abgeräumt und steht jetzt auf dem Tresen. Ham.Lit, die lange Nacht junger Literatur und Musik, ist vorbei.

Seit zehn Jahren bietet das Vorlese-Festival einen Anlass, um unter der Woche zwei Bier zuviel zu trinken und sich über aktuelle Brillenmodetrends zu informieren. Und zuverlässig gab es hier ein, zwei tolle neue AutorInnen zu entdecken, zwischen vielen Naja-geht-so-Lesungen. 2019 war das Verhältnis umgekehrt. Das Programm hörte gar nicht auf, richtig gut zu sein.

Was ich dieses Jahr gehört habe: Viele Stoffe aus der Gegenwart. Zuerst las Saša Stanišić aus seinen noch unveröffentlichten Memoiren Herkunft (hier die Info-Seite des Verlags). Der Titel klingt nach Integrationsdebatte, der Inhalt auch nach Tschick, mit sicheren Pointen über den deutschen Schulalltag und die erste Verliebtheit in ein unerreichbares Öko-Mädchen namens Rieke. Ich tippe: #Bookstagram wird noch durchdrehen vor Freude.

Es folgten die beiden Lieblingsdebütanten des Feuilletons 2018: Lukas Rietzschel las aus seinem Roman Mit der Faust in die Welt schlagen (Verlagsinfo) über die Selbstradikalisierung von sächsischen Nobodys zu Neo-Nazis und Bettina Wilpert aus Nichts, was uns passiert (Verlagsinfo) über »consent« und Vergewaltigung.

Die Überraschung des Abends waren für mich die historischen Romane (weil: historische Romane? Das ist doch zuletzt eher schiefgegangen … ): Katharina Adler schreibt in Ida (Verlagsinfo) über eine Patientin Sigmund Freuds. Wieviel Können und Sorgfalt in diesem Roman stecken müssen, wurde daran deutlich, wie Adler zwischen den Registern sprang wenn sie las (Jahrhundertwendewien) und frei sprach (Gegenwartshamburg). Ida war auch das erste Buch, das am Büchertisch des Ham.Lit vergriffen war.

Zum Abschluss: Philipp Schwenke mit Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste (Verlagsinfo), seinem Roman über die Enttarnung des tragischen Hochstaplers Karl May. Eine große Komödie.

Vier Romane, vier Debüts: Schlecht kann es um die Literatur nicht bestellt sein. Was Brillenmodetrends angeht, war das Ham.Lit dieses Jahr weniger ergiebig. Seit exzentrische Gestelle nix mehr kosten, sind sie so allgegenwärtig und egal geworden wie Tattoos.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s