Apple Watch: Ein altmodisches Produkt

Die Apple Watch ist ein seltsames Statussymbol: Sie ist keine Investition, kein Erbstück zukünftiger Generationen (so wie es andere Uhrenhersteller von ihren Produkten behaupten), kein rares Vintage Piece. Die Apple Watch ist keineswegs exklusiv.

Eine Kollegin kam neulich aus San Francisco zurück, trug eine neue Apple Watch, und machte mich auf den demokratischen Gestus dieses Accessoires aufmerksam: Der CEO des Weltkonzerns trägt diesselbe Armbanduhr wie seine Assistentin. Der Top-Investor ist durch einen bloßen Blick auf sein Handgelenk nicht von seinem Praktikanten zu unterscheiden. Oder vom Barrista in der Kaffeefiliale nebenan.

Damit steht die Appel Watch in einer amerikanischen Tradition.

Andy Warhol schrieb in seinem Buch The Philosophy of Andy Warhol (1975):

What’s great about this country is that America started the tradition where the richest consumers buy essentially the same things as the poorest. You […] know that the President drinks Coke, Liz Taylor drinks Coke, and just think, you can drink Coke, too. A Coke is a Coke and no amount of money can get you a better Coke than the one the bum on the corner is drinking.

Und weiter:

Rich people can’t see a sillier version of „Truth or Consequences“, or a scarier version of „The Exorcist“. You can get just as revolted as they can — you can have the same nightmares. All of this is really American.

Dasselbe gilt im Grunde auch für die Apple Watch. OK, der bum on the corner trägt keine, denn das Ding kostet immer noch mehr als 400 Euro. Aber für 4000 Euro, oder 40.000 Euro, oder 400.000 Euro bekommt man keine bessere Apple Watch.

Ab 400 Euro gilt: one size fits all. Und das ist bemerkenswert. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der die Massenproduktion beargwöhnt und die Manufakturherstellung fetischisiert wird.

In einer Zeit, in der die Auflagen gar nicht klein und exklusiv genug sein können und selbst T-Shirts und Turnschuhe (einst Ausdruck der Massenproduktion, genau wie Coke und Privatfernsehen) künstlich verknappt werden. Und in der profane Gebrauchsgegenstände mit einem Material- und Produktionswert dicht an Null plötzlich als seltene Sammlerstücke gelten.

Die Apple Watch ist, mit dem Soziologen Andreas Reckwitz gesprochen, nicht singulär. Sie folgt nicht der Logik des Kulturkapitalismus, sondern jener der (laut Reckwitz längst vergangenen) industriellen Moderne.

Sie ist zugleich state-of-the-art — und furchtbar aus der Zeit gefallen.

(Einschränkung: Es gibt einige Watches mit Gehäuse aus Gold, aber in einer wunderbaren ironischen Wendung ist sie als Uhren bald wertlos, weil Apple für dieses Modell keine Software-Updates mehr anbietet.)

Foto: Fancycrave 1, via Wikimedia Commons, gemeinfrei.

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