Online-Dating im Schlager, 1968–2018

In der Kritik der Unterhaltsmusik gibt es die große Schlager/Pop-Dichotomie. Schlager steht da für Eskapismus, Pop für contemporariness (und dass es für letzteren Begriff keine ordentliche deutsche Übersetzung gibt, deutet schon darauf hin, dass das Deutsche eher Schlagersprache als Popsprache ist).

So ganz stimmt das aber nicht. Der Sound und das Idiom mit dem der Schlager der 1960er-Jahre vorgetragen werden, mag das für uns heute verschleiern, aber im Sixities-Schlager finden sich immer wieder Spuren von Gegenwart, Modernität und Fortschritt.

Zum Beispiel im Song Computer Nr. 3 von der Anfang des Jahres leider verstorbenen Sängerin France Gall:

Der Song erschien 1968, und damals war Computer-assistiertes Dating ein großes Thema in Deutschland. Die Zeitschrift Twen (verkaufte Auflage laut Spiegel-Bericht: 180.000 Exemplare) rief damals auf ihren September-Titel zum bereits dritten Twen Rendez-Vous auf: „Machen Sie mit: Neue Liebe per Computer.“

Leserinnen und Leser sollten einen Fragebogen zu ihren Vorlieben und Gewohnheiten ausfüllen und diesen an die Redaktion einschicken. Gegen eine kleine Gebühr wurde der Bogen dann digitalisiert, in eine Datenbank eingespeist und mit den Fragebögen von Teilnehmern des jeweils anderen Geschlechts abgeglichen um ein möglichst perfektes Match zu finden („des anderen Geschlechts“, denn: Homosexualität war gerade straffrei geworden und durchaus ein Thema in Twen, nicht aber im Rendez-Vouz).

Die Idee findet sich nirgendwo so pointiert formuliert wie in dem Song von France Gall: „Einer von vielen Millionen, der wartet auf mich irgendwo“. Im Kern geht es also um eine romantische Idee: Irgendwo da draußen ist der Mensch, der perfekt zu dir passt. Kugelmensch-mäßig. Und dank modernster Technik wird der jetzt sogar auffindbar! So zumindest das Versprechen.

France Gall sang also keinen Blödsinn und auch nicht von einer Fantasie – sondern vom state of the art von Medien, Technik und Fortschritt ihrer Zeit. Das ist das Gegenteil von Eskapismus. Und das gibt es auch heute, 50 Jahre später, noch im Schlager. Nur, dass es 2018 leider unfassbar kacke klingt:

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