Die A7 – und die öffentliche Meinung

Die Bundesautobahn 7, Höhe Hamburg-Bahrenfeld. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich die öffentliche Meinung zu dem, was als fortschrittlich und wünschenswert gilt, innerhalb von nur einer Generation um 180° drehen kann.

Als die A7 in den späten 1960er-Jahren und 1970er-Jahren quer durch Hamburg gebaut wurde, gab es dagegen in den betroffenen Stadtvierteln keine nennenswerten Proteste, erzählt einer, der damals in der Gegend wohnte. Im Gegenteil: Man freute sich über den eigenen Autobahnzubringer. Die A7 reicht von Dänemark bis Österreich, Bahrenfeld und die angrenzenden Viertel waren jetzt also verbunden mit der Welt. Das moderne Leben!

Doch in den folgenden Jahren wurde klar, dass das ganze einen Haken hatte. Oder sogar drei.

Erstens, die Parks. Bahrenfeld ist ein grüner Stadtteil, voller Parks und großer Friedhöfe. Aber Park ist nicht gleich Park. Der Bonnepark wurde von der A7 zerschnitten und zerfiel, links und rechts der Autobahn, in zwei kümmerliche Grünstreifen. Der Bahrenfelder See ist heute nur noch ein Tümpel.

Zweitens, der Lärm. Westlich der Autobahn stehen hübsche Einfamilienhäuser, teils mehr als hundert Jahre alt (für Hamburger Verhältnisse also historisch). Man sieht Bauhausartiges. Villen. Aber gestern Nachmittag sah ich bei bestem Wetter niemanden im Vorgarten. Den Grund dafür hört man: Autobahnrauschen, Motorradheulen, Bremsen.

Drittens, der Stadtteil. Der ist heute — wie seine Parks — zerteilt. Die Autobahn ist eine Grenze, der alte Ortskern nur noch durch seine Ausschilderung als „Bahrenfelder Marktplatz“ zu erkennen. Übrig geblieben vom Marktplatz ist ein Parkplatz.

In den 1990er-Jahren begannen die Proteste, die einen Deckel für die Autobahn forderten („Ohne Dach ist Krach“). Parallel wuchs der Bedarf an Wohnraum. Bürgerwillen wurde zu Regierungshandeln. Jetzt wird der Deckel gebaut. In den 2020ern soll er fertig werden. Der Plan ist, dass der Stadtteil wieder zusammenwächst. Auf der Autobahn sollen Schrebergärten entstehen. Und links und rechts davon Ruhe.

In den 1960ern gewollt und gebaut, seit den 1990ern bekämpft, in den 2020ern begraben: hübsch, wie sich diese Geschichte fein säuberlich in Schritten von je 30 Jahren vollzieht. Die Idee der 1960er, eine Autobahn quer durch eine Großstadt zu bauen, kommt mir heute ziemlich bekloppt vor. Mal sehen, was wir in den 2050ern zum Deckel sagen werden.

(Mit Dank an Stattreisen Hamburg!)

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