Claude Lévi-Strauss: Wir sind alle Kannibalen (Besser als ausgedacht #4)

Claude Lévi-Strauss war bereits 80 Jahre alt, als er anfing, für die italienische Zeitung La Repubblica zu schreiben. Zwischen 1989 und 2000 verfasste er insgesamt 16 Essays, mal einen, mal zwei pro Jahr. 2017 erschienen die deutschen Übersetzungen im Suhrkamp-Verlag: Wir sind alle Kannibalen. Der Titel ist schon mal super.

Die Anlässe der Texte von CLS sind oft aktuelle Ereignisse, die zufällig wirken und teilweise banal: eine Ausstellung, ein Jubiläum, der Rinderwahn, eine Trauerrede bei der Beerdigung von Lady Di. CLS sucht davon ausgehend Muster und Ähnlichkeiten, die Kulturen und Gesellschaften verbinden, die tausende Kilometer — und manchmal auch tausende Jahre — auseinanderliegen.

Er arbeitet assoziativ, was seine Texte oft abenteuerlich macht (etwa, wenn er in den Hypothesen der Quantenphysik alte indianische Mythen wiedererkennt oder meint, die Form der mittelalterlichen Königskrone habe jene der Explosion von Atombomben vorweg genommen). Und manchmal irre (im Titelessay behauptet CLS, Organtransplantationen seien eine Form des Kannibalismus. Äh, what? Auch die relativierende Haltung zur Beschneidung von Frauen finde ich problematisch, aber so ist das eben beim ungeschützten Denken und Schreiben).

Das tolle an diesen Texten ist, dass sie so wunderbar geschrieben sind und CLS so klar argumentiert, dass man ihnen als fachlicher Laie gut folgen kann, auch wenn hier ein alter Ethnologe aus der Tiefe seines Wissens schöpft und ziemlich wild springt zwischen den Mythen und Riten der alten Griechen, der Inuit, der Irokesen, der modernen Franzosen, der Aborigines, der Ureinwohner Neuguinneas und jenen der amerikanisierten Popkultur.

Lesern, denen Roland Barthes Mythen des Alltags gefiel, gefällt ziemlich sicher auch das hier. Leser, die bei Feuilletonaufmachern von Habermas oder Reckwitz verzweifeln, drohen hier zu frankophilen Nostalgikern zu werden. Leser, die was für den Strandkorb suchen, aber nicht Dan Brown oder die Bild am Sonntag: Nehmt Wir sind alle Kannibalen!

P.S.: Claude Lévi-Strauss starb 2009 im Alter von 100 Jahren.

Ich lese gerne „non-fiction“, vor allem, wenn sie gut erzählt ist: Sachbücher, Reportagen, Autobiografisches, Essays (im amerikanischen Sinne des Wortes). Immer dann, wenn ein Erzähler auf die Wirklichkeit trifft, wird es für mich interessant. In diesem Blog stelle ich in der Reihe „Besser als ausgedacht“ Bücher dieser Gattung vor, die mir in die Hände gefallen sind – und die mir gut gefallen. Bisher etwa Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig„Paris, Mai ’68“ von Anne Wiazemsky und „Future Sex“ von Emily Witt.

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