68er und die Nazis

Es zählt zu den populären Annahmen über die Studentenbewegung der 68er, dass erst sie dazu geführt habe, dass in Deutschland über Schuld, Shoa und Nazis gesprochen wurde. Aber stimmt das?

Vermutlich ist die Lage (bei aller Schwierigkeit, pauschale Aussagen über eine so diffuse und heterogene Bewegung zu machen) zumindest weniger eindeutig.

Der vielzitierte (und oft als Kritik an den Kontinuitäten zwischen NS-Staat und BRD interpretierte) 68er-Spruch „Unter den Talaren / Muff von tausend Jahren“ bezog sich zum Beispiel gar nicht auf das „tausendjährige Reich“ der Nazis. Das sagt der Historiker Rainer Nicolaysen, der zu der Protestaktion an der Uni Hamburg geforscht und damals Beteiligte dazu befragt hat.

Und Beate Klarsfeld erzählte neulich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (€), die Anführer der Studentenbewegung hätten sich für die Nazivergangenheit deutscher Politiker gar nicht richtig interessiert. Klarsfeld musste erst — mehr oder weniger im Alleingang — den Bundeskanzler Kiesinger ohrfeigen, ehe alle Welt über dessen NS-Karriere sprach. Dutschke und Co. hätten vorher lieber den Kapitalismus bekämpfen wollen als die alten Nazis.

Ziemlich scharf schreibt nun der Philosoph und Sohn eines NS-Überlebenden Jason Stanley in der Zeit:

Die Bewegung stellte eine Verbindung zwischen den Verbrechen den Nazi-Regimes und dem Kapitalismus her, und das Fortbestehen dieses Wirtschaftssystems verbinde die Bundesrepublik noch immer mit dem Faschismus. Mit diesem Argument verfolgte die deutsche Studierendenbewegung das klare Ziel, die Verantwortung für den Nationalsozialismus von den historischen Besonderheiten des Deutschtums wegzuschieben, hin zu den Strukturen und Mechanismen des Kapitalismus.

Der für den Nationalsozialismus grundlegende Glaube an eine deutsche Überlegenheit sei hingegen „1968 nicht vehement infrage gestellt“ worden.

Wieso war es einzelnen Studenten daran gelegen, das spezifisch Deutsche des Nationalsozialismus zu leugnen? Stanley glaubt: Damit sie sich als Opfer sehen konnten, die gegen eine globale Ordnung aufbegehrten.

Um den Preis, dass einige der Söhne der Nazis wieder Gewaltverbrechen gegen Juden verübten, namentlich die Gruppe der Tupamaros West-Berlin, die zum Jahrestag der „Reichskristallnacht“ 1969 einen Sprengstoffanschlag auf ein jüdischss Gemeindehaus durchführten (der Anschlag misslang, die Bombe explodierte nicht).

Wenig später hatte die Rote Armee Fraktion keine Skrupel, mit palästinensischen Terroristen zusammenzuarbeiten, die gezielt Israelis ermordeten.

Die RAF-Mitgründerin Gudrun Ensslin soll nach der Erschießung Benno Ohnesorgs gerufen haben, der Täter stamme aus der Auschwitzgeneration, „die bringen uns alle um“: „uns“.

 

 

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