Wie Grisebach die Kunst singularisiert

Kunstwerke war schon immer anders als andere Konsumgüter. In Andreas Reckwitz‘ Theorie der Gesellschaft der Singularitäten ist die Kunst die eine gesellschaftliche Sphäre, in der schon in der klassischen Moderne (ca. 1750 bis 1970) massiv singularisiert worden ist, d.h.: in der Güter nicht durch ihren Nutzwert an Begehrlichkeit gewannen, sondern dadurch, dass sie durch Erzählungen mit immateriellem Wert aufgeladen wurden, etwa in dem sie als ästhetisch neu oder radikal, jedenfalls als „besonders“, galten:

Das moderne Kunstfeld, das sich um 1800 ausbildet, ist das erste soziale Feld der Moderne, das sich systematisch an der Fabrikation von Besonderheiten ausrichtet. Seine Kunstwerke treten mit Singularitätsanspruch auf, der sich in der Semantik der Originalität und des Künstlers als Genie kondensiert. Tatsächlich unterscheidet sich die moderne Kunst darin grundsätzlich von der vormodernen: Ihr geht es nicht mehr im Sinne der Regelästhetik um Perfektionierung anerkannter Formen, sondern um Regelbruch und die immer wieder neue Kreation des Einzigartigen. Singularität wird so an ein Regime des ästhetisch Neuen gekoppelt. Auch der Künstler als Subjekt gewinnt in diesem Zusammenhang seine Faszination durch radikale Singularität, durch ‚Individualität’: Er soll und will sich expressiv in seinem Werk verwirklichen. Das bürgerliche Kunstfeld vermag damit erstmals, einen Aufmerksamkeitsmarkt für kulturelle Singularitätsgüter zu institutionalisieren.

Später, nach der klassischen Moderne, griff die Singularisierung auch auf andere Konsumgüter über. Nicht mehr nur ein Picasso war einzigartig und sinnstiftend für jenen, der ihn kaufte, sondern auch die Fairtrade-Avocado (die nicht mehr nur schmeckte, sondern ihrem Konsumenten auch einen gesunden Lebensstil und ein etisches Bewusstsein attestierte) oder das Craftbeer (das nicht mehr nur ein kühles, alkoholhaltiges Getränk war, sondern ein einzigartiges Genusserlebnis für raffinierte Genießer).

Nun wurde – so Reckwitz – im Grunde alles zur Kunst. Auch noch so profane Konsumgüter rechtfertigen sich weniger über ihre Materialität, ihre Funktionalität, ihren Nutzwerk, als über die Erzählungen, mit denen sie angereichert wurden, mit den ethischen, ästhetischen Mehrwerten, die man ihnen zuspricht.

Eine interessante Ergänzung zu Reckwitz‘ Theorie liefert nun der Journalist Dieter Schnaas in einem Kommentar zum Auktionshaus Grisebach. Dort schreibt er, dass auch Kunstwerke (zumindest solche, die zwischenzeitig an Wert verloren hat), noch weiter singularisiert und mit Bedeutung aufgeladen werden können:

Grisebach führt, vor allem in Person seines Geschäftsführers Florian Illies, seit Jahren beispielhaft vor, wie die Wiederverzauberung von Kunst gelingen, wie sie mit Mehr-Wert aufgeladen und auch preislich veredelt werden kann: mit guten Geschichten. Die im 19. Jahrhundert vielhundertfach gemalte Bucht von Sorrent irgendeines deutschen Landschaftsmalers etwa weiß uns Heutige nur noch sehr bedingt mit Italiensehnsucht zu erfüllen. Eine unfertige Skizze aber, von der ich weiß, dass ein bestimmter Maler sie an einem bestimmten Tag aus einem bestimmten Anlass angefertigt hat – die kann ich Gästen jederzeit kennerhaft und ohne Kitschgefahr so welt- wie beiläufig in meiner Loftwohnung präsentieren.

Ich bin nicht sicher, ob der an Max Weber erinnernde Begriff der „Wiederverzauberung“ hier sinnvoll ist, aber diese Beobachtung finde ich faszinierend. Kunstwerke – für das Auktionshaus Konsumgüter wie viele andere – erfahren eine Wertsteigerung dadurch, dass sie mit Geschichten angereichert und die Einzigartigkeit des jeweiligen Werkes für die Kunden herausgearbeitet wird.

Den ganzen Text von Dieter Schnaas aus der Wirtschaftswoche kann man hier online lesen.

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