Besser als ausgedacht (2): Paris, Mai ’68 von Anne Wiazemsky

Heute vor 50 Jahren in Paris: Barrikaden. Generalstreik. Ehekrise. Paris, Mai ‘68 heißen die Memoiren der französischen Schauspielerin Anne Wiazemsky, die jetzt in deutscher Übersetzung im Wagenbach-Verlag erschienen sind.

Die Erzählung beginnt da, wo andere aufhören würden: Anne und der ältere Regisseur Jean-Luc (Godard) sind frisch verheiratet. Sie haben sich eine Wohnung im Quartier Latin gekauft. Ihre Schauspielkarriere nimmt Fahrt auf. Es ist Frühling, noch dazu „ein prächtiger, so strahlend und warm, wie ich noch keinen erlebt hatte“. Abblende, Happy End, Abspann.

Nicht ganz. Denn dann gerät Anne eines Abends auf dem Nachhauseweg in eine Straßenschlacht zwischen Studenten und Polizisten: Die Ereignisse des Mai 1968 platzen in ihr Leben.

Anfangs ist ihr das alles lästig: Die endlosen Diskussionen, die Begeisterung der älteren Künstler und Intellektuellen für die ungestümen Studenten, die allgemeine Nachlässigkeit in Umgangsformen und Kleidung. Anne ist nicht älter als die Studenten, aber zu erwachsen und zu kultiviert für diesen Quatsch.

Doch das Private wird politisch, es lässt sich gar nicht vermeiden: Dreharbeiten kommen während der Proteste zum Erliegen, das Festival in Cannes wird abgesagt und Jean-Luc zunehmend garstig. Der Mai ’68 stürzt ihn in eine Krise: Das „alte“ Kino, an das er gestern noch glaubte, hält er nun für tot. Aber wie könnte ein neues Kino aussehen?

Paris, Mai ‘68 umfasst nur 160 Seiten und beginnt als Frühsommerabenteuer zwischen beschwippsten Philosophen, siegesgewissen Revoluzzern und Salonkommunisten mit Kommune-Nostalgie. Man liest das gut weg bei einem ausgedehnten Cafébesuch: Ein bisschen Bohème, ein bisschen Bourgeoisie, ein bisschen Nacktbaden an der Côte d’Azur.

Später wird es bitter. Nicht nur auf der Straße, auch zwischen Anne Wiazemsky und Jean-Luc Godard. Keine Abblende, kein Weichzeichner, kein Happy End. Was für ein Buch!

Ich lese gerne „non-fiction“, vor allem, wenn sie gut erzählt ist: Sachbücher, Reportagen, Autobiografisches, Essays (im amerikanischen Sinne des Wortes). Immer dann, wenn ein Erzähler auf die Wirklichkeit trifft, wird es für mich interessant. In diesem Blog stelle ich in der Reihe „Besser als ausgedacht“ Bücher dieser Gattung vor, die mir in die Hände gefallen sind – und die mir gut gefallen. Bisher „Future Sex“ von Emily Witt.

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