Über Linke reden (II)

Neue Klassen, neue Kämpfe: Zum Niedergang der SPD (etc.)

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Das vergangene Jahr war verheerend für sozialdemokratische Parteien in (West-) Europa. Die SPD hat bei der Bundestagswahl das schlechteste Ergebnis der Nachkriegszeit eingefahren. Und damit ist sie noch gut weggekommen.

Zumindest im internationalen Vergleich: 20 Prozent aller Stimmen! Erzählt das mal den Genossen in den Niederlanden (sechs Prozent für die PvdA) oder in Frankreich (sieben Prozent für die Sozialisten). Und, ja, auch in Italien holten die traditionellen linken Parteien am Sonntag ein historisch schlechtes Ergebnis.

Wer oder was ist an diesem internationalen Niedergang schuld? Immerhin: nicht Martin Schulz. Die Wirtschaftskrise von 2007/2008? Die habe den Niedergang der Sozialdemokraten beschleunigt, sei aber nicht dessen Ursache, schreibt Jan Rovny, Politologe an der Pariser Universität Sciences Po, in seinem Essay What happened to Europe’s left? (hier kostenlos abrufbar).

Jan Rovny sieht die Wurzeln der heutigen Krise der Sozialdemokratie paradoxerweise zum Teil in ihrem politischen Erfolg, namentlich in der Bildungsexpansion. Denn in der Folge von u.a. Akademisierung, technischem Fortschritt und Globalisierung sei der Linken die Arbeiterklasse abhanden gekommen.

Anstelle einer industriellen Arbeiterschaft gebe es heute nur noch eine versprengte, schlecht gebildete, zum großen Teil post-migrantische, in der Folge sprachlich und kulturell heterogene und kaum zu organisierende Dienstleistungsklasse:

Today’s working class are the masses of unskilled service workers who predominantly cook, clean or drive. Often, their jobs are short-term or part-time, and low-paying. These people do not come into contact with each other nearly as much as the traditional factory-floor workers did. They are more often than not from diverse minority backgrounds, and thus are separated by cultural boundaries. In short, these people have significantly reduced ability to organise, and they do not.

Zugleich, so Rovny, hätten sich die sozialdemokratischen Parteien in den Jahren nach 1968 der neuen akademischen Mittelschicht und ihren Anliegen zugewendet:

[T]he traditional left parties became parties of the new middle class – primarily of the increasing numbers of white-collar state employees. In doing so, the traditional left responded to the Green challenge by adopting more environmental and generally socially liberal profiles, but also it slowly but surely abandoned the new ‘precariat’ – the new service working classes and those in poor or irregular employment. Politically pulled by social-liberalism (of the ‘new’ left), and by economic moderation to the centre (preferred by a new group of urban white-collar workers and ‘yuppies’), the traditional left opened a political breach – a gaping political vacuum around those seeking economic protection, and a certain cultural traditionalism.

Unterwegs sei ein neuer Konflikt entstanden. Nämlich der zwischen der ökonomisch und kulturell transnational orientierten neuen Mittelschicht, deren Fortschrittsnarrativ die Globalisierung der Märkte und Lebensformen umfasst, und der »abgehängten« und in regionalen oder nationalen Kategorien denkenden Dienstleistungsklasse:

While the privileged enjoy cross-border travel for business and pleasure on an unparalleled scale, they gain experiences, learn languages, build friendships and, on occasion, have found families across borders and cultures; those with limited financial, and educational means live in a world defined by national boundaries, customs, and language. The inflow of culturally distinct migrants into urban centres furthers this alienation.

Hinzu kommt: Die neue Mittelschicht konzentriert sich in den Städten (dort gibt es die Arbeitsplätze für Akademiker, dort sind die von ihr bevorzugten Lebensformen möglich), die Dienstleistungsklasse eher im ländlichen Raum.

So wird sie anfällig für eine anti-elitäre, anti-akademische, anti-kosmopolitische und anti-urbane Rhetorik rechter und populistischer Parteien, die die Lücke füllen, die von den sozialdemokratischen Parteien hinterlassen worden sei.

Klingt alles ein bisschen nach Didier Eribon und sehr nach Andreas Reckwitz.

Hier gibt es den ganzen Text von Jan Rovny.

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