Gewalt gegen Frauen zum Spaß

Über das Video American Reflexxx, das gerade in Leipzig gezeigt wird

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Video: American Reflexxx von Signe Pierce (Darstellerin) und Alli Coates (Kamera), Myrtle Beach, 2013

Ich war in Leipzig und habe dort Kunst gesehen, die mir Angst macht. Die Videoarbeit der Künstlerinnen Signe Pierce und Alli Coates heißt American Reflexxx, ist bereits 2013 entstanden und wird gerade in Virtual Normality gezeigt, einer Ausstellung, die sich mit – roughly – Weiblichkeit, Sexualität, Intimität, Öffentlichkeit und Adoleszenz im Zeitalter der Sozialen Medien befasst.

Viele der Arbeiten in der Schau, etwa die Fotos von Arvida Byström oder Leah Schrager, arbeiten sich an Instagram ab. Sie sind didaktisch und interventionistisch und leider auch ein bisschen lame.

Man erfährt dort zum Beispiel, dass Instagram sexistisch ist. Instagram ist sexistisch in seinen Regeln. Und Instagram ist zusätzlich sexistisch in der Anwendung dieser Regeln. Frauen können nicht nur leichter gegen die Community Guidelines verstoßen (etwa weil männliche Brustwarzen auf Fotos erlaubt sind, weibliche aber nicht), sie werden offenbar auch schneller dafür abgestraft (anekdotisch: männliche Körperbehaarung wurde wiederholt akzeptiert, eine wuchernde Bikini-Zone führte hingegen zur Löschung des Fotos und zur Sperrung des Accounts).

Das ist nicht cool (und ehrlich gesagt finde ich erstaunlich, dass sich Instagram trotz dieser Tatsache so großer Beliebtheit erfreut), aber auf die Gefahr hin, dass ich wie mein eigener Großvater klinge: Instagram gehört uns nicht, Instagram gehört Mark Zuckerberg. Ein Leben ohne Instagram ist möglich. Es ist vielleicht sogar sinnvoll. Meldet euch alle ab, dann ist das Problem gegessen und Zuckerberg verdient ein bisschen weniger Geld mit euch.

American Reflexxx (oben eingebettet als YouTube-Video) ist hingegen eine Arbeit, die mich berührt und schockiert hat. Auch diese Arbeit ist eine Intervention, aber nicht im Mikrokosmos eines einzelnen Sozialen Mediums und seiner verlogenen Community Guidelines, nicht in einer privatisierten Suböffentlichkeit, sondern im (analogen) öffentlichen Raum, im kleinstädtischen Alltag, quasi in »der Gesellschaft«.

Alli Coates sagt zur Entstehung von American Reflexxx:

At the time, in 2013, we were living in New York and we wanted to step out of the NY art bubble to make some work in the real world. Making art in NYC for NYC can sometimes feel like preaching to the choir, so we wanted to get out of the echo chamber. We had been making some video art pieces dealing with femininity and stereotypes, and wanted to take those themes into a real life situation.

Signe Pierce läuft für das Video im kurzen Rock, mit hohen Absätzen und einem tiefen Ausschnitt die Einkaufsstraße einer Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste entlang. Dazu trägt sie eine Maske, die ihr komplettes Gesicht verdeckt und die verspiegelt ist. Sie spricht kein Wort, läuft nur die Straße entlang und macht gelegentlich scheinbar unmotivierte Stripper-Moves.

Der Zusammenhang mit den anderen Arbeiten in der Virtual Normality-Ausstellung erschließt sich auf den zweiten Blick. Signe Pierce beschreibt es so:

In regards to the character, I’d been inspired by portraying the hyper-sexualized “ideal girls” you see on TV/online/in porn: blonde, sexy, and silent […]. I’m interested in what happens when you take that girl out of the screen and drop her into reality.

Was passiert in reality? Entsetzliches. Erstaunlich schnell und bereitwillig lassen die Menschen, denen Signe Pierce auf der Straße begegnet und die durch die rätselhafte Fremde irritiert und überfordert sind, ihre Selbstkontrollen fahren und werden grob und gewalttätig.

Es dauert nicht lange, da wird Pierce übergriffig angegraben, transphob beschimpft, angetatscht. Sie bleibt passiv und stumm, was die Leute offenbar nur noch hemmungsloser macht. Sie bespritzen Pierce mit Flüßigkeiten, bewerfen sie mit Plastikflaschen, eine Frau versucht ihr ein Bein zu stellen, schließlich wird Pierce von hinten so energisch geschubst, dass sie stürzt und sich eine Wunde zuzieht.

Dass die Aggressoren sich im Gesicht ihres Opfers spiegeln (dass man sich in dem anderen selbst erkennt: War das nicht mal die Definition von Empathie?) und dass Alli Coates die ganze Zeit mit einer Kamera präsent ist, nicht eingreift, aber die Menschen und ihr Verhalten filmt, scheint diese nicht zu hemmen.

Die Täter sind nicht nur Bros (also Kerle, die ohnehin des Sexismus verdächtig sind), auch wenn das Video von einem Bro eröffnet wird. Schwarze und Latinos sind genauso Teil des Mobs wie Weiße, Junge eher als Ältere und die handgreifliche Gewalt geht nicht zuletzt von Frauen aus.

Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen eine einzelne aus einem Mob heraus, Gewalt auf offener Straße, Gewalt vor den Augen der Öffentlichkeit – all das ist offenbar gar kein Problem.

Die Ausstellung Virtual Normality läuft noch bis 8. April im MdbK Leiptig. Mehr Infos hier. Dieses Posting ist die längere Fassung eines Textes, der zuerst auf Piqd.de erschienen ist.

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