Über Rechte reden (I)

Enis Maci über die identitäre Micro-Influencerin Alina Wychera (alias Alina von Rauheneck):

Wychera trägt auf den allermeisten Fotos viel puderbasiertes Make-up das ein wenig zu hell für ihren Hautton ist, dazu oft matten Lippenstift in rot oder rosa, der mit nicht ganz ruhiger Hand aufgetragen wurde, außerdem viel Rouge. Da sie ihren Concealer nicht ordnungsgemäß verteilt, hat sie zumeist helle Ringe um die Augen. Ihre sehr langen Wimpern tuscht sie zu Spinnenbeinen. Dazu trägt sie manchmal weißen Kajal auf die untere Wasserlinie auf, um die Augen optisch zu vergrößern.

OK, was soll das? Easy: Wenn sich Rechte als ästhetische Phänomene inszenieren und erst dadurch interessant werden, wie eben Wychera und ihr „heimeliger girly Kuchenback-nature-Baby-Pastell-Tumblr“ (Enis Maci), dann muss man sie auch als ästhetische Phänomene kritisieren.

„Postergirl“, der Begriff, auf den manche Journalisten bei der Beschreibung von Alina Wychera zurückgiffen, ist faul und falsch (eine analoge Metapher für ein digitales Phänomen). Man muss schon genau hinsehen, das Handwerk verstehen und seine Sprache sprechen, um das Werk der Urheberin an ihren Maßstäben zu messen. Dann gelingt eine Kritik, die nicht bloß moralischer Reflex ist.

Denn, jetzt die Pointe:

[Wycheras] Art, sich zu schminken, spricht die Sprache der Drogerien, der p2-Regale, der Mangamädchen, der Badezimmer ohne Tageslicht […], und damit gerade nicht die Sprache der Selfie- und Instagramprofis, die sie fließend zu beherrschen behauptet. Wycheras Make-up deckt die Lücken ihrer klassenlosen, heimatliebendeb, präkapitalistischen Erzählung auf.

(zitiert nach: Über Deutschland, über alles von Pascal Richmann, Hanser 2017)

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