Schlafen gegen das System!

Eine Notiz zu John Crary und seinem Buch »24/7«

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Die größte Provokation für den modernen Menschen ist, dass er sterben muss. So in etwa formulierte das der Philosoph John Gray in seinem Buch Wir werden sein wie Gott (ich habe hier darüber geschrieben). Der Tod erinnere uns daran, dass wir daran gescheitert seien, uns völlig von der Natur zu emanzipieren und die Welt gänzlich unserem Willen untertan zu machen.

»Sleep is the cousin of death«, wissen wir dank Nas, und was der Tod für die Moderne ist, das ist der Schlaf für den Kapitalismus. So könnte man zumindest mit dem Kunstwissenschaftler Jonathan Crary argumentieren, Autor des Buches 24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus.

Das Buch ist schon einige Jahre erhältlich, sein Thema erlangte aber in diesem Sommer eine gewisse Brisanz, als im Vorfeld des G20-Gipfels in Hamburg darüber diskutiert wurde, ob die Stadt es auswärtigen Gipfelgegnern verbieten darf, in Protestcamps auf öffentlichen Grünflächen zu schlafen (es ging zuletzt tatsächlich nicht darum, ob man die Camps verbieten darf, sondern das Schlafen in den Camps).

Gegen das Schlafen von Gipfelgegnern im Park gab es zwei Einwände. Erstens das pragmatische Argument, dass von den Campus militante Aktionen ausgehen würden (das hat sich laut Polizeiangaben bewahrheitet). Und zweitens das kategorische Argument, dass der Staat zwar die Versammlungsfreiheit zu wahren habe, dass schlafend im Camp jedoch keine politische Meinungsäußerung möglich sei.

Ist Schlafen unpolitisch? Jonathan Crary würde widersprechen. Er schreibt:

Most of the seemingly irreducible necessities of human life – hunger, thirst, sexual desire, and recently the need for friendship – have been remade into commodified or financialized forms. Sleep poses the idea of a human need and interval of time that cannot be colonized and harnessed […]. The stunning, inconceivable reality is that nothing of value can be extracted from it.

Damit ist der Schlaf eine ziemlich einzigartige Sache:

There are now very few significant interludes of human existence (with the colossal exception of sleep) that have not been penetrated and taken over as work time, consumption time, or marketing time.

Für Crary wird Schlaf dadurch zur Metapher für das Andere des Kapitalismus schlechthin, für die Möglichkeit einer nicht-kapitalistischen Existenz:

An illuminated 24/7 world without shadows is the final capitalist mirage of post-history, of an exorcism of the otherness that is the motor of historical change.

Das finde ich ganz interessant: Schlaf ist für Jonathan Crary also nicht nur eine biologische Notwendigkeit und ein unvermeidlicher Bestandteil menschlicher Existenz (wie auch der Tod), sondern wird von dem Autoren als kulturelle Praxis der Negation und des Fortschritts überhöht. Schlafen gegen das System!

Laut Jonathan Crary bekämpft »der Spätkapitalismus« (was auch immer das genau sein mag) den Schlaf, versucht ihn zu verringern, zu verdrängen, zu verleumden:

[W]ithin the globalist neoliberal paradigm, sleeping is for losers.

Ich bin mir nicht sicher, ob das so stimmt. Es leuchtet ein, dass das Schlafen eine Tätigkeit fernab der Wertschöpfung ist, aber Schlafen ist längst auch für Sieger.

Schlafenden Besserverdienern werden schließlich längst luxuriöse oder vermeintlich innovative Produkte angeboten (ich denke an Pyjama-Couture, Matratzen-Start-ups, … ), die ihren Schlaf besser machen sollen.

Und auch Fitness-Gurus und Selbstoptimierer ihre Liebe zum Schlaf entdeckt. Als der Reporter Sascha Chaimowicz sich für das ZEIT Magazin neulich einer rigorosen Fitnessroutine aussetzte (hier sein Bericht über diesen Selbstversuch), gehörte zu den ersten Tipps seines Personal Trainers, dass er um 22 Uhr ins Bett gehen solle.

Nina Pauer schreibt in einem Text über Pamela Reif und andere Fitness-Instagramer in derselben Ausgabe der ZEIT, dass diese ihre Anhänger ebenfalls dazu anhalten, mindestens acht Stunden am Tag zu schlafen.

Vielleicht kann man das auch als Kapitulation deuten: Der Spätkapitalismus kann den Schlaf nicht vernichten, also macht er seinen Frieden mit ihm.

Bild: Mittagsschläfer, gemalt von Vincent Van Gogh, 1890/1891, via Wikimedia Commons.

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