Radio des Trosts / Radio-Nostalgie

Max Dax schreibt in der Spex (Mai/Juni 2017) über Radio als Medium des Trosts:

In seinem Film »The Last Picture Show« von 1971 erzählt der New-Hollywood-Pionier Peter Bogdanovich die Coming-of-Age-Geschichte einer Gruppe Jugendlicher kurz vor dem Schulabschluss 1951 in einer Kleinstadt in Nord-Texas. Sie erleben: Die ersten Küsse, den ersten Sex im Auto oder im Motel, sie verlieben und sie enttäuschen sich gegenseitig. Und immer läuft im Radio die langsame und beruhigende Country-Musik von Hank Williams.

Die Jugendlichen – und somit auch wir Zuschauer – hören jeder für sich ein individuelles Radio des Trostes, aus dem, egal, was auch um sie herum passiert, stets eine Stimme erklingt, die die Größe des bevorstehenden Lebens relativiert, die Einsamkeit vertreibt oder sie in den Schlaf singt. Das Radio, ihr Freund, Begleiter und Retter.

Radio bedeutet also, dass alle dasselbe hören und doch jeder etwas anderes. Fast eine Metapher für Kultur: das Verbindende, das Platz lässt für Individualität; das Gemeinsame, das niemals fixiert und abschließend definiert werden kann, weil es erst in der individuellen Rezeption (und damit immer wieder neu) entsteht.

Klar, wo dieser Gedanke hinführt: Mit der Einführung des Formatradios, spätestens aber mit dem Internet, ist die Bedeutung des Radios des Trosts passé.

Auch das Radio als Rettung, als Fenster in eine andere, aufregendere Welt, hat an Bedeutung verloren. Max Dax nennt die Musiker Asmus Tietchens, Hans-Joachim Irmler und Irmin Schmidt als Menschen, die vom Radio gerettet wurden. Ergänzend ließen sich mindestens noch Rocko Schamoni nennen (die Anekdote dazu hier) und  Rainer Langhans (er schildert ähnliches in seinen Memoiren)

Das alles mag für sich genommen bekannt und sogar banal sein, aber interessant finde ich, dass Dax mit diesen Ausführungen einen Text über Triplicate beginnt, die neue Platte, auf der Bob Dylan (wieder mal) Songs covert, die früher im Radio liefen, damals, als das Radio noch bedeutsam war.

Angenommen wird also, dass man, um Triplicate – und Dylans aktuelle »Sinatra-Phase« – verstehen zu können, auch von der einstigen Bedeutung des Radios wissen muss: Pop-Geschichte ist auch Medientechnik-Geschichte.

Bleibt die Frage, wie die Radio-Nostalgie zu bewerten ist. Die Metaphern-Schwelgerei, in die ich oben eingestiegen bin, führt fast unweigerlich zu Kulturpessimismus: Das verbindende weicht dem vereinzelnden Medium (konkret: statt dasselbe Radioprogramm unterschiedlich zu hören, klicken sich heute alle durch automatisiert personalisierte Spotify-Playlists, etc.). Mein dringendes Gefühl ist: Damit macht man es sich aber zu leicht.

Was also ging verloren, als das Radio verloren ging?

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