Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Keine mehr über Kreuzfahrten, Truppenunterhalter und Reisen mit Papa

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Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten führe (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

Die Kreuzfahrtreportage, zum Beispiel. Über das intellektuelle Elend dieser Form des Reisens wird wohl nie wieder ein Autor so pointiert und komisch schreiben wie David Foster Wallace in seiner Reportage A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again (hier eine PDF der Fassung, die unter anderem Titel im Harper’s Magazine erschienen ist).

Dass auch Subgenres der Kreuzfahrt grandios beschrieben wurden (etwa die FKK-Cruise von Philipp Schwenke oder die Metal-Cruise von Lars Gaede) macht es nicht leichter.

So ähnlich ist es wohl mit Reportagen, die Künstler begleiten, die als Truppenunterhalter im Kriegsgebiet auftreten. Da ist Moritz Honerts preisgekrönte Reportage über eine AC/DC-Coverband in Afghanistan und Peter Kümmels Text über Kurt Krömer in Afghanistan, den nicht mal Krömer selbst überbieten konnte, als er dieselbe Geschichte noch einmal aus seiner Sicht erzählte.

Auch an das Thema »Ich reise mit meinem Vater in unser imaginiertes Heimatland, um mehr über ihn und über mich und über unsere Beziehung zueinander zu erfahren« würde ich mich nicht mehr rantrauen. Wer darüber schreibt, tritt an gegen Die irgendwie richtige Richtung von Gideon-Lewis Kraus, gegen Dimitrij Kapitelmans Papa, wir fahren nach Hause und gegen Laura Cwiertnias Zeigst Du mir die Heimat, in der du noch nie warst, von der du aber ständig träumst, Papa? Kann man machen, wird aber schwer.

Ist das zu streng? »Der Leser hat kein Archiv«, sagte ein Kollege, der mir bei einer unserer Zwei-Bier-zuviel-Diskussionen entschieden widersprochen hat. Aber das stimmt nicht. Ja, »der Leser« hat keinen Zugang zu der Pressedatenbank, die viele Redakteure benutzen, um herauszufinden, was über ein Thema bereits geschrieben worden ist. Aber stattdessen haben Leser einen Zugang zum größten Archiv der Welt: dem Internet.

Dass die meisten Leser diesen Zugang nicht benutzen, um sich über die Journalismusgeschichte zu informieren und sich die besten Reportagen der letzten 50 Jahre zu ergooglen: geschenkt.

Aber wir schreiben ja nicht nur für unsere Leser. Sondern auch für Feinde, Vorbilder und Kollegen aus dem eigenen Berufsstand (das beweisen allein die vielen Journalistenpreise, mit denen man sich unsere Branche gegenseitig ehrt, und die Bedeutung, die diesen Preisen zugesprochen wird).

Und nicht zuletzt: für uns selbst.

Ein Gedanke zu „Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

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