Der Darling zweier Diktaturen

Die Universität Greifswald verabschiedet sich von ihrem Namensgeber Ernst Moritz Arndt, den die Nazis und die SED schätzten

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Seit Anfang des Jahres heißt die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald nur noch Universität Greifswald. Das gab die Uni am 18. Januar 2017 bekannt (hier die Pressemitteilung). Sie folgt damit einem Beschluss des Akademischen Senats.

Und jetzt? Gibt’s Stress. Beobachter schreiben von einem Shitstorm (etwa hier), die Universitätsleitung zeigt sich »besorgt, in welchem Ausmaß und in welcher Form in der Diskussion um die Änderung des Universitätsnamens Fakten entstellt, falsch wiedergegeben und ignoriert werden.«

Dabei kann die Umbenennung eigentlich niemanden überrascht haben. Seit Jahren ist darüber diskutiert worden. Bereits im März 2010 war zudem über eine Streichung des Namensgebers abgestimmt worden, damals kam die dafür notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit nicht zustande (hier ein Informationstext der Uni zum damaligen Beschluss).

Who the fuck is Arndt? Eben. Ein Schriftsteller, leidenschaftlicher Gegner Napoleons und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, soviel dürfte unbestritten sein. Bei allem weiteren wird’s schon heikel.

Die Unileitung schreibt:

Während die einen Arndts antisemitische und nationalistische Äußerungen für unvereinbar mit dem im Leitbild der Universität geforderten Grundsatz der Weltoffenheit sehen, heben andere wiederum Arndts Einsatz für die Abschaffung der Leibeigenschaft und für Meinungs- und Pressefreiheit hervor.

Wie die Politisierung von Geschichtsschreibung abläuft, das lässt sich beispielthaft am Fall Arndt zeigen. Die  Historiker Niels Hegewisch und Knut Langewand veröffentlichten eine lesenswerte Einführung in dessen posthume Rezeptionsgeschichte im Merkur-Blog.

Im Jahr 1933 wurde die Uni Greifswald nach ihm benannt, Ernst Moritz Arndt von den Nazis gelobt und gepriesen. Dann kam das Kriegsende 1945, die Befreiung Deutschlands, die SED-Diktatur – und abermals wurde Ernst Moritz Arndt von den Herrschenden gelobt und gepriesen (wenn auch aus anderen Gründen als noch bei den Nazis).

Hegewisch und Langewald schreiben:

Die Greifswalder Arndt-Rezeption im Nationalsozialismus und der DDR weist  also ein hohes Maß an inhaltlicher Kontinuität auf. Beide verbindet ein vorrangiges Streben nach einer Anpassung Arndts an die politisch-ideologischen Bedürfnisse der eigenen Zeit. Ein Verständnis Arndts aus und in seiner Zeit war nicht von Interesse.

Mit dieser (nicht zuletzt: intellektuell unlauteren) Tradition zu brechen, kann man dem Akademischen Senat der Universität nicht zum Vorwurf machen.

 

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