Politische Töne beim ESC und beim Musikfest Hamburg

Die Krimkrise siegt beim Schlagerwettberwerb, Pegida verliert im Klassik-Konzert

Ich habe hier behauptet, dass 2016 das Jahr des Protestsong-Revivals sei und habe dafür (deutschsprachige) Song-Beispiele gesammelt.

Am Pfingstwochenende erreichten mich von unterschiedlichen Enden der Musik- und Unterhaltungsbranche zwei weitere Beispiele, die von der aktuellen Politisiertheit der Musikwelt zeugen:

Erstens: Der Song 1944, mit dem die Sängerin Jamala am vergangenen Samstag beim Eurovision Song Contest (ESC) für die Ukraine angetreten ist – und zur Siegerin gewählt wurde.

Jamala singt vom Leid der Tataren, die 1944 auf Order des russischen Diktators Josef Stalin von der Krim verschleppt wurden (nachdem die deutsche Wehrmacht von dort zurück gedrängt worden war, mit der die Tataren offenbar bessere Beziehungen unterhalten hatten).

70 Jahre später schickte der russische Präsident Wladimir Putin in einem Moment des politischen Durcheinanders in der Ukraine seine Soldaten auf die Krim, um die Halbinsel, die nunmehr zur Ukraine gehörte, zu annektieren. Es ist eine politische Landnahme, wie man sie seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa wohl nicht mehr erlebt hat.

2015 setzte die Ukraine beim ESC aus, ein Jahr später schickt sie eine Sängerin, die von russischen Verbrechen auf der Krim singt. 1944 ist kein Song mit einer eindeutigen politischen Botschschaft (»Free Crimea!«, oder so), der Text behandelt keine aktuelle Politik, sondern einen historischen Sachverhalt, aber trotzdem liegt es nahe, ihn politisch zu deuten.

Zumindest diese Leute hier (und einige andere) taten das auch prompt und witterten einen anti-russischen Propaganda-Coup mit Unterstützung des Westens. Denn, und das verkompliziert den Sieg des ukrainischen Beitrags: Hätte allein die Publikumsabstimmung über den Siegerbeitrag entschieden, hätte Russland gewonnen. Erst durch das Voting der Expertenjurys der einzelnen Länder, die unter Fans des ESC ohnehin umstritten sind, siegte die Ukraine.

Zweitens: Der Variationszyklus The People United Will Never Be Defeated von Frederic Rzewski, den der Pianist Igor Levit gestern Abend beim Internationalen Musikfest Hamburg spielte.

(Im YouTube-Video oben – nur der Verfügbarkeit wegen und für einen ersten Höreindruck – eine Einspielung von Yuji Takahashi.)

Im September 1973 griff der General Augusto Pinochet den chilenischen Präsidentenpalast an, stürzte den wenige Jahre zuvor demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende (der bald darauf Selbstmord begehen sollte) und errichtete eine rechte Diktatur, die bekannt wurde für ihre Folter und Ermordung politischer Gegner. Unterstützt wurde der Putsch durch die US-Regierung unter Richard Nixon.

Chilenische Demonstranten singen zu dieser Zeit ein Lied mit der Zeile »El pueblo! Unido! Jamás será vencido!«. Die Melodie dieses Liedes wird einige Jahre nach dem Putsch von Frederic Rzewski aufgegriffen, einem amerikanischen Komponisten, der seine Bearbeitung des (nunmehr sprachlosen, aber immer noch energischen) Protestsongs The People United Will Never Be Defeated nennt und sie ausgerechnet auf einer Feier zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Kennedy-Center mitten in Washington, DC, aufführt.

Man muss nicht viel von Klassik und Neuer Musik verstehen (ich tue es nicht), um die Brisanz dieses Stückes erahnen zu können.

Gestern spielte der Pianist Igor Levit das Stück und fügte ihm eine weitere Bedeutung zu. Bereits vor dem Konzert hatte Levit, der in Russland geboren worden ist und als Junge mit seiner Familie nach Deutschland kam, sich in einem Artikel im Hamburger Abendblatt eindeutig gegen jene ausgesprochen, die heute »Wir sind das Volk!« skandieren:

Über den chronisch gewordenen Anblick von 20.000 Pegida-Demonstranten, unter denen sich womöglich auch eindeutige Demokratiegegner befinden, kann sich Levit in Rage argumentieren: »Wenn 19.997 Nicht-Nazis da stehen und die mitlaufen, dann sind sie Latenz-Nazis. Dann kann ich sie nicht aus dieser Verantwortung lassen.«

Man könnte nun also interpretieren, dass Levit den von rechts gekarperten Begriff des Volks als Begriff der kollektiven Selbstermächtigung den Pegidisten wieder wegnehmen oder zumindest nicht allein überlassen möchte (aaaber so leicht ist es mit dem Herumdeuteln dann doch wieder nicht, weil Volk in Deutschland etwas kategorisch anderes bedeutet als der inklusivere Begriff people in den USA und möglicherweise auch als pueblo in Chile).

Igor Levits Konzert begann gestern Abend überraschend mit dem auf Arabisch und Deutsch verlesenen Statement eines jugendlichen Flüchtlings aus Palästina. »Freiheit« ist in diesem Jahr das Thema des Internationalen Musikfests. Die meisten der Konzerte des Festivals beginnen deshalb mit dem O-Ton eines nach Hamburg Geflüchteten, der sich zum Thema »Freiheit« äußert.

Igor Levit begrüßte das im an das Konzert anschließenden Gespräch. Er lehnte ab, im Konzert den Kopf abzuschalten und die Realität draußen vor der Tür lassen zu wollen. Und er betonte, dass es ihm wichtig sei, in historischen künstlerischen Werken den Gegenwartsbezug zu suchen, auch den politischen.

Da hätte ich ihn fast gerne noch nach seiner Meinung zum ESC-Sieger gefragt …

 

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