Protestsongs 2016: eine Liste

Das Jahr 2016 ist das Jahr des Protestsong-Revivals. Es ist schon viel geschrieben worden über die Beiträge von Beyoncé, PJ Harvey & Anohni (Ex-Antony and the Johnsons). Dazu an dieser Stelle nicht noch mehr.

Interessanter als die Entwicklung in England oder den USA finde ich ohnehin, dass auch hierzulande Pop-Musiker die Tradition des Protestsongs fortschreiben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das Erbe der deutschen Liedermacher und Politrocker ist eine eher ambivalente Angelegenheit. Ich meine: Unsere Nina Simone heißt Nena. Unser Woody Guthrie heißt Ernst Busch und schrieb peinliche Deppensongs. Ganz zu schweigen von Joseph Beuys.

Dennoch sind 2016 von mehr oder weniger etablierten Künstlern immer wieder sind neue, mit ausdrücklich politischer Intention geschriebene Songs veröffentlicht worden. Dabei geht es nicht oder nicht nur um das Sprechen aus marginalisierten sozialen Positionen (so wie es etwa die Opfer von Rassismus im HipHop tun) oder um eher diffus politische Lebensführungsfragen (etwa: Bejahung des Rauschs oder soziale Verweigerung).

Stattdessen nehmen deutschsprachige Pop-Musiker Bezug auf aktuelle Ereignisse und intervenieren in laufenden Debatten. Und zwar mit so vielen einzelnen Songs wie seit der durch zahlreiche Protestsongs begleiteten letzten amerikanischen Irak-Invasion nicht mehr.

Damit ist über die Qualität der politischen Analysen und der künstlerischen Darbietungen noch nichts gesagt (eher Nena oder Nina? Guthrie oder Busch?), aber mir geht es in einem ersten Schritt darum, das Phänomen quantitativ zu erfassen.

Um den Überblick nicht gänzlich zu verlieren, habe ich hier eine Liste begonnen, die in den kommenden Monaten sicher noch wachsen wird.

Ein Wort zur Auswahl:

Ich beschränke mich hier 1) auf Songs, deren Urheber schon zuvor als Pop-Musik-Acts tätig waren, die einen Ruf zu verlieren und eine gewisse Prominenz oder künstlerische Credibility in die Waagschale zu werfen haben (in Abgrenzung zu einmaligen oder zum alleinigen Zweck der politischen Agitation oder Polemik gestarteten musikalischen Projekten).

2) Es gab Vorboten dieser Entwicklung schon im vergangenen Jahr (beispielhaft Enno Bunger) und natürlich ist es immer willkürlich, die allgemeine künstlerische Produktion in Kategorien zu unterteilen, die einer rein kalendarischen Logik folgen. 2016 scheint es mir das dennoch angemessen. Seit der hitzigen Diskussion um die sexualisierte Gewalt in der Silvesternacht in Köln und Hamburg und parallel zu den unzähligen Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime und den Wahlerfolgen der AfD wächst die Zahl der musikalischen Stellungnahmen.

3) Sortiert ist diese Liste erstmal nur grob nach Stichworten und chronologisch, nicht nach inhaltlicher Positionierung oder gar künstlerischer Qualität.

Ich habe was übersehen? Ami Go Home ist doch kein peinlicher Deppensong? Ich freue mich über Ergänzungen und Gegenreden in den Kommentaren.

Stichwort: »Köln«, sexualisierte Gewalt

Frei.Wild – Unrecht bleibt Unrecht (Januar)

Eko Fresh – Domplatten Massaker (Feburar)

Disarstar – Zweiundzwanzig (März)

Stichwort: AfD

Berlin Boom Orchestra feat. Social Dread – Nachricht an Frauke (Petry) (März)

MC Smook – Wähl nicht AfD (März)

Slime – Sie wollen wieder schießen (dürfen) (April)

Fatoni – #Nachbar (Mai)

Coup (Xatar & Haftbefehl) – AFD (Juli)

Jennifer Rostock – AfD (August)

Stichwort: Pegida

Abstürzende Brieftauben – Nie wieder Pegida (März)

Nonkeen – People in Dresden out for a Walk – Reiselust (Juli)

Stichwort: Nationalismus (allgemein)

Samy Deluxe feat. Afrob, MoTrip, Eko Fresh – Mimimi Remix (April)

Neonschwarz – Check Yo’self (April)

Clastah (Classless Kulla & Istari Lasterfahrer) – Mieses Stück Scheisze (April)

… wird fortgesetzt …

Change log: Laufend neu hinzugefügte Videos, Links zu den Künstlerseiten bzw. weiteren Infos zu den Urhebern, kleinere Änderungen und Ergänzungen im Text.

2 Kommentare zu „Protestsongs 2016: eine Liste“

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