Nix mit lustig

Der linke Rapper Disarstar klingt auf »Sturm und Drang« noch kompromissloser

»Wer ich bin?«, fragte der Rapper Disarstar im vergangenen Sommer auf seinem Debütalbum Kontraste und beantwortete die Frage so wie einst Walt Whitman: »Ich bin viele und bin gerne so.«

»Was das ist?«, mit dieser Frage beginnt jetzt ein Mixtape von Disarstar, das alte Beats mit neuen Texten enthält und damit ca. auf halber Strecke zwischen einem Werkstattbericht und einem neuen Album liegt: Sturm und Drang.

Und, was ist das?

Das ist Streben-nach-Extrem-Mucke,
Leben-tut-so-weh-Mucke,
für die Klasse, das ist gegen-das-System-Mucke,
alles geben, nach-dem-Training-nicht-mehr-stehn-Mucke,
geh-mir-aus-dem-Weg-Mucke.

Diese kurze Textpassage aus dem Track Mucke ist charakteristisch für Disarstar: zwischen das Persönliche und Politische passt bei ihm kein Blatt, beides ist ein Kampf. Humor, Swag oder Battle-Rap-Prahlereien sucht man hier vergebens – Rap ist für Disarstar nicht Entertainment.

(An anderer Stelle rappt er: »Ich bin nicht der Typ für die lustigen Themen / noch für die, die sich um Schusswaffen drehen«).

In den Monaten seit Kontraste hat sich das politische Klima in Deutschland verschärft. Das hört man auch auf Sturm und Drang, wo die Antifa-Solidaritätsbekundungen von einst zu programmatischen Ansagen ausgewachsen sind.

Zu einer differenzierten Stellungnahme zur sexualisierten Gewalt in der Silvesternacht in Köln, zum Beispiel, und zu weniger differenzierten Todeswünschen an die Nato. (Hm. Ob das Ableben der Nato wirklich so gut wäre, wenn die Alternativen Putin und Assad heißen?)

Der Labeltyp/Kritiker Marcus Staiger schreibt dazu in der Spex:

Worte wie »Geopolitik«, »Kampfeinsätze ohne Mandat« oder schlicht »Kapitalismus« im Flow unterzubringen, ohne dass es sich scheiße anhört, zeugt schon von einem gewissen Talent.

Das klingt zwar wie ein vergiftetes Kompliment, ist aber gar nicht so gemeint: »große Rap-Kunst!«, nennt Staiger das auch.

Das, was Disarstar als Rapper einzigartig macht, ist auf Sturm und Drang jedenfalls noch deutlicher zu hören als auf Kontraste: Etwa der Ehrgeiz, eigenes Erleben und politische Analyse zu verknüpfen. Und der Anspruch, mit Rap ganz unironisch die Welt zu verändern.

Ich weiß zwar nicht, ob Disarstar das so von sich sagen würde – aber man hört diesen Anspruch aus fast jeder seiner Zeilen heraus.

Sturm und Drang gibt es hier als kostenlosen Download. Mehr zu Disarstar in meinem Porträt für Die Zeit.

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