Beats für unbekannte Künstler

James Hinton bastelt Bassmusik aus selten abgerufenen YouTube-Videos

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Es gibt sie noch, die kritischen Autoritäten! Alles, was Jan Kedves im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung an Pop-Musik empfiehlt, kann man zum Beispiel völlig bedenkenlos bei Soundcloud oder Spotify eintippen.*

Wenn er schreibt, dass Potential, das neue Album von The Range, alias James Hinton, »exzellent« sei, dann glaube ich das jedenfalls gerne – und gehe mein Smartphone suchen, um es an die Boxen zu stöpseln.

Aus seinem Text:

[Der] Bassmusik-Tüftler sucht mit einem von ihm selbst entwickelten Algorithmus auf Youtube Gesangs- und Rap-Darbietungen, die besonders wenige Plays haben. Es wirkt, als wolle Hinton die Amateure und Halbprofis vorführen, deren Audiomaterial er – zunächst ungefragt – samplet und verarbeitet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es geht dem 28-Jährigen um den Blues enttäuschter Hoffnungen, einerseits. Andererseits will er das im Audiomaterial der Videos steckende Potenzial herausarbeiten.

Aus der Realität zu schöpfen, um Kunst zu schaffen: das bedeutet heute selbstverständlich auch, mit Netzfundstücken zu arbeiten. In der Literatur gibt es Verleger wie Nikola Richter von Mikrotext, die Status-Updates auf Facebook oder Chats aufstöbern, zu literarischen Formen erklären und als Bücher veröffentlichen, die teilweise durchaus für Furore sorgen (wie es dazu kam, habe ich hier etwas ausführlicher aufgeschrieben).

Beispiele von Fotografen und bildenden Künstlern, die sich durch die Untiefen des Internets wühlen und auf unterschiedliche Weise mit digitaler found footage arbeiten, gibt es noch mehr (etwa Jenny Odell, die Googles Satellitenfotos neu sortiert, Clement Valla, der dort Glitches sucht, oder Kurt Caviezel, der Aufnahmen frei zugänglicher Webcams katalogisiert).

Die Pop-Musik ist als elektrisierte, netzaffine und seit Jahrzehnten anderer Leute Klänge sampelnde Kunstform wie gemacht für solche digitalen Raubzüge. Und tatsächlich gibt es einige Musikproduzenten, die so arbeiten und recht erfolgreich sind, etwa Kutiman, der die Tonspuren der YouTube-Videos von Amateurmusikern eindrucksvoll zu neuen Songs collagiert.

Mir scheint jedoch, dass The Range eine neue Qualität erreicht hat mit Potential, der Platte, die – Smartphone gefunden, Namen eingetippt, Anlage aufgedreht und bald schon Jan Kedves Einschätzung voll zugestimmt – zum wiederholten Male im Hintergrund läuft, während ich das hier schreibe.

Hören Sie hier:

Oder auch hier:

Ich denke, dass das bemerkenswerte an der Musik von The Range gar nicht unbedingt die Methode des Produzenten ist, sondern welche Ergebnisse er mit dieser Methode erzielt. Potential hat den »OMG!«-Novelty-Song-Charakter abgeschüttelt, der Mash-Ups sonst oft anhaftet.

Das Album ist nicht produziert, um die Aufmerksamkeit zu packen, Reposts zu triggern, virale Hits zu landen. Stattdessen ist das gute Pop-Musik, die sich langsam und ohne Effektheischereien entfaltet, und die man auch dann genießen kann, wenn man von der Quelle ihrer Samples nichts weiß.

Noch mal Jan Kedves zum Verdienst von The Range:

Erfolglosigkeit, geplatzte Träume: Solche Themen sind im Pop sonst eher schwer zu vermitteln. James Hinton gelingt es, sie in ein Konzeptalbum zu gießen, das poppig ist

… und das allein ist bemerkenswert, egal wie Potential entstanden ist.

Hier geht es zur Kritik aus dem Feuilleton der Süddeutschen, hier zur Seite von The Range mit weiteren Hörbeispielen. Das Album Potential ist vergangene Woche erschienen und wird vertrieben von Domino (MP3, Vinyl, CD).

Domino hat mir auch das Porträtfoto von James Hinton / The Range zur Verfügung gestellt, das dieses Blogposting bebildert. Die Fotografin ist Alexandra Gavillet.

Nachtrag, 15. April 2016: In der neuen Folge der Radiosendung Soundcheck auf WNYC (die hier als Audiostream abgerufen werden kann) spricht James Hinton etwas ausführlicher darüber, wie er die YouTube-Videos findet, deren Tonspuren er samplet.

Dort auch assoziative Verweise auf historische Vorläufer wie Alan Lomax, Plunderphonics von John Oswald und My Life in the Bush of Ghosts von Brian Eno und David Byrne. Thank God for Spotify.

Full disclosure: Ich lernte Jan Kedves kennen, als ich vor einigen Jahren für Spex schrieb (er war damals erst Redakteur, dann Chefredakteur des Blattes). Falls das meine kritische Urteilsfähigkeit über seine kritische Urteilsfähigkeit einschränken sollte: so sei es.

1 Kommentar zu „Beats für unbekannte Künstler“

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