Journalismus: »Mein Name ist Wolfe. Ich komme vom Mars.«

Einer der besten Sätze des 85 Jahre alten Reporters (Happy Birthday!)

Tom Wolfe ist diese Woche 85 Jahre alt geworden. Viele der Texte, die in den letzten Tagen von Gratulanten veröffentlicht wurden, loben ihn als Satiriker und Romancier. I respectfully disagree. Der Mann war immer dann am besten, wenn er Reporter war – und Marsmensch.

Als Romanautor ist Tom Wolfes Bilanz bestenfalls durchwachsen. Sein letzter Roman Back to Blood war überladen, aber unterhaltsam, I am Charlotte Simmons halte ich hingegen schlicht für Trash. Als Reporter zählt er aber fraglos zu den interessantesten Schreibern des 20. Jahrhunderts, dank Büchern wie The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby und The Electric Kool-Aid Acid Test, die zusammen ein Panorama der 1960er auffächern, von den kommerziellen Jugendszenen der frühen 1960er bis zur psychedelischen counterculture der zweiten Hälfte des Jahrzehnts.

Interessant ist dabei auch seine Methode, nämlich seinen Protagonisten als radikaler Außenseiter zu begegnen. Wolfes Zeitgenosse Hunter S. Thompson kaufte sich eine Harley, als er die Arbeit an seinem Buch über die Hells Angels begann (noch so ein Stück 1960er-Jahre-Journalismus, das uns heute neidisch machen kann). Wolfe verfolgte in seiner Berichterstattung über die Subkulturen der 1960er Jahre den gegenteiligen Ansatz, wie er vor einigen Jahren dem Rolling Stone in einem Interview sagte:

I did a story on stock-car racing for Esquire, and I figured, »Well, it’s probably casual, it’s racing.« So I wore a green tweed suit and a blue button-down shirt and a black knit tie – that was very casual. […] After about three days, Junior Johnson, the racer, said, »You know, I didn’t mean to say anything, but everyone’s asking me, Who’s this little green man following you around?«

Once I realized I wasn’t even close to blending in, then I asked some of these questions I was dying to know the answer to, like, »What is an overhead cam?« People kept talking about overhead cams, and if you’re trying to fit in, it’s hard to ask basic questions. […]

And ever since then, I’ve taken what I think of as the »man from Mars approach«: I’ve just arrived from Mars, I have no idea what you’re doing, but I’m very interested.

Inwieweit Tom Wolfes journalistischer Stil heute noch als vorbildlich gelten kann, darüber lässt sich streiten. Seine Neigung, jeden seiner Protagonisten in eine Cartoon-Figur zu verwandeln, wurde seinerzeit von seriöseren Journalisten heftig bekämpft (Dwight Macdonald etwa hat Wolfes Schlampigkeiten und seine Voreingenommenheit gehasst – völlig zurecht, wenn man liest, was Wolfe sich bei Tiny Mummies, seiner Reportage über Macdonald und seine Kollegen vom New Yorker, alles leistete).

An Tom Wolfes »man from Mars approach« versuche ich mich aber immer zu erinnern, wenn ich mich selbst dabei ertappe, während einer Recherche in eine insiderische Haltung zu verfallen. Denn die besten Reporter – also die Reporter, die die besten Geschichten mitbringen – sind interessierte Außenseiter, davon bin ich überzeugt. Wir sind diejenigen, die doofe Fragen stellen, die allen unter den Nägeln brennen. Und keiner hat das je so schön und prägnant formuliert wie Tom Wolfe. Happy Birthday!

P.S.: Hier geht es zu Wolfes Stockcar-Reportage, mit der alles angefangen hat und die im März 1965 in Esquire veröffentlicht worden ist [kostenpflichtig].

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s