Filmkritik: »Chuck Norris und der Kommunismus« (2015)

Wie amerikanische Trash-Filme die Ceaușescu-Diktatur unterhöhlten

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Worum geht’s? Chuck Norris und der Kommunismus heißt ein neuer Film, der im vergangenen Jahr über die Festivals tingelte und jetzt in die Kinos kommt.

Der Filmtitel klingt wie der Anfang eines Witzes. Wenn Chuck Norris, der Mann, der nicht Honig isst sondern Bienen kaut, der schon mehr Leute vermöbelt hat als Ikea, der eine Party schmeißt und sie fliegt fünf Kilometer weit, wenn also dieser Chuck Norris, Held schlechter Filme und noch schlechterer Witze, auf den Kommunismus trifft, ist klar, dass einer von beiden sterben muss. Und zwar nicht Chuck Norris. Das wäre auch schon eine grobe Inhaltsangabe von Chuck Norris und der Kommunismus.

Etwas konkreter, bitte! OK. Regisseurin Ilinca Calugareanu erzählt von einer wahren Begebenheit im kommunistischen Rumänien der achtziger Jahre. Das Land wurde damals von seinem Diktator Nicolae Ceaușescu gegen westliche Einflüsse abgeschottet, selbst russische Filme wurden zensiert. Doch ein Mann namens Teodor Zamfir schmuggelte damals tausende Videokassetten mit amerikanischen Filmen in das Land. Er heuerte eine Übersetzerin an, Irina Nistor, die sich diese Filme nachts anschaute, über Kopfhörer die Tonspur hörte, und simultan die Dialoge ins Rumänische übersetzte.

Die Videokassetten mit Nistors Synchronstimme (eine Stimme für alle Figuren) wurden unzählige Male kopiert und auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Sie verkauften sich rasend, so erzählt es Chuck Norris und der Kommunismus, trotz ihrer geringen Qualität und ihrer hohen Preise. Vielerorts in Bukarest und anderswo in Rumänien fanden sich Bürger zusammen, um auf illegalen Videoabenden die von Irina Nistor übersetzten Filme zu sehen – darunter Dirty Dancing, Rambo und, klar, Chuck Norris.

Hier ein Trailer:

Ist das eine Doku oder ein Spielfilm? Beides. Die Regisseurin Ilinca Calugareanu lässt neben dem Schmuggler Zamfir und der Übersetzerin Nistor vor allem Menschen erzählen, die damals auf den Videoabenden dabei waren. Zum Beispiel als kleine Jungen, die sich von Rocky inspirieren ließen, frühmorgens joggen zu gehen, oder als etwas ältere Jungen, die sich in die mysteriöse Frau verliebten, deren Stimme in allen coolen Filmen zu hören war. Parallel zu diesen dokumentarischen Teilen gibt es Spielfilmszenen, in denen die Erinnerungen der Zeitzeugen nachgestellt werden.

Und? Ist der Film gut? Er ist zumindest nicht schlecht! Chuck Norris und der Kommunismus erzählt originell, humorvoll und eindringlich vom (nicht nur ästhetischen) Elend des »real existierenden Sozialismus«. Der Film zeigt, dass Popkultur (und Unternehmertum) tatsächlich eine subversive und vielleicht sogar emanzipatorische Kraft entfalten kann. Zumindest in extremen Situationen wie dem abgeschotteten Rumänien.

Die Spielszenen sind jedoch Geschmacksache – mir wäre eine konservativere Doku lieber gewesen, die sich ausschließlich auf die Erinnerungen der Zeitzeugen und auf Szenen aus den geschmuggelten Filmen stützt. Das Faszinierende an dieser ganzen Geschichte ist nämlich die Diskrepanz zwischen der Qualität der Filme von Chuck Norris, Jean-Claude van Damme und Arnold Schwarzenegger, und der Begeisterung der Zuschauer, die Risiken eingingen und Zumutungen ertrungen, um diese Trashfilme anzusehen.

Der Film erinnerte mich an das Buch How We Survived Communism – And Even Laughed von Slavenka Drakulic, das vom Alltag von Frauen im sozialistischen Jugoslawien und in einigen Nachbarländern erzählt und zeigt, wie wichtig kleine, scheinbar banale Dinge wie Lippenstifte für ihr Gefühl von Würde und Selbstbehauptung waren. Was für Drakulic und ihre Freundinnen Lippenstifte waren, waren für die Jungs in Rumänien offenbar Chuck Norris-Filme.

Mit Szenen wie dieser hier:

Was ist die größte Schwäche des Films? Dass die Regisseurin Ilinca Calugareanu nicht auf die Kraft ihres Stoffes vertraut. Sie kleistert ihre Doku mit emotionaler, manipulativer Filmmusik zu und überhöht die illegalen Videoabende zur Keimzelle des demokratischen Aufbegehrens gegen Diktator Ceaușescu. Diese These von Chuck Norris und der Kommunismus wird aber nicht überzeugend begründet, sondern nur behauptet.

Klar, heute gefallen sich Zamfir und Nistor in der Rolle der heimlichen Revolutionshelden. Aber hatte Zamfir als Geschäftsmann überhaupt ein Interesse an der Öffnung Rumäniens? Kaum war die kommunistische Diktatur weg, brach sein offenbar sehr einträgliches Schwarzmarktimperium zusammen. Das wird im Film erwähnt aber nicht weiter ausgeführt.

Andere Auslöser der rumänischen Revolution (der Zusammenbruch der DDR, die Arbeit kritischer Intellektueller im Land, … ) bleiben unerwähnt. Historiker, die mit einer gewissen Distanz auf die Revolution blicken und die illegalen Videoabende in den historischen Kontext einbetten, kommen nicht zu Wort.

Fazit? Chuck Norris und der Kommunismus ist eine unterhaltsame Doku über Pop, Trash und Subversion. Wer sich vornehmlich für die jüngere (politische) Geschichte Rumäniens interessiert, wird nicht auf seine Kosten kommen.

Wo kann ich das sehen? Termine stehen auf der Facebook-Seite des Films. In Hamburg läuft der Film am Montag, 7. März, ab 19 Uhr im Metropolis. Die Regisseurin wird anwesend sein.

Abbildung oben: Promofoto aus einer Spielfilmszene aus Chuck Norris und der Kommunismus von der Website des Films.

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