Kuratieren als Kunstform (Dreißig Jahre vor Tumblr)

Noch eine Anmerkung zum Begriff der »Prä-Internet Art«

Gestern schrieb ich hier von »Prä-Internet Art« als Kunst, die mit analogen Mitteln vorwegnahm, was seit der Digitalisierung zur kulturellen Standardpraxis gehört. Kunst, die man im Rückblick vielleicht visionär nennen könnte, auch wenn das zu ihrer Entstehungszeit vielen Leuten noch gar nicht klar war. Der denglische Begriff war dabei durchaus bullshittig gemeint – aber vielleicht ist an der Idee trotzdem was dran.

In dem Buch dagegen dabei, das alternative Kunst- und Kulturprojekte (Läden, Verlage, Zeitschriften, Plattenlabels) der späten 1970er/frühen 1980er vorstellt, habe ich gerade gelesen, wie Hilka Nordhausen ihre Buch Handlung Welt (den Namen schrieb sie so – in drei einzelnen Wörtern) im Hamburger Karoviertel beschrieb:

[Die] Buch Handlung Welt war für mich ein künstlerisches Konzept. Ich verstand mich ja selbst durchaus als Konzept-Künstlerin.

Und:

Von außen betrachtet war das eine Buchhandlung und ein Veranstaltungsort. Nun fragt man mich, wo ist die Person und wo ist das künstlerische Werk dieser Person? Daß ich die Bücher der amerikanischen Beatszene neben die Dadaisten stell, Querverbindungen zieh, von Dadaisten zu den 300 aktuellen Zeitschriften, […] die Kleinverlage und dann dagegen die Künstlerbücher.

Als ich das las, dachte ich: ja … naja … ist das so originell? Weil: heute will doch jeder irgendwie Kurator sein, Arbeiten anderer Leute entdecken und neu kombinieren, Querverbindungen ziehen, und sei es nur auf Tumblr.

Der Begriff und die Praxis des Kuratierens sind heute banal – zumindest in den meisten Zusammenhängen, in denen der Begriff benutzt und die Praxis betrieben wird.


Und ist das schon eine schöpferische Leistung: Regale einräumen? Theorie-Mash-Up betreiben? Alte Bücher und neue Zeitschriften und Teures und Billiges gleichberechtigt nebeneinanderlegen?

Außerdem: Dada, Surrealismus, Situationismus, diese Avantgarden sind doch nun wirklich keine Geheimtipps mehr, sondern Teil der allgemeinen Folklore der zeitgenössischen Kulturproduktion (und die Bildbände mit den ikonischen Werken dazu gibt’s für zehn Euro bei Taschen und auf dem Grabbeltisch bei Thalia).

Kaum hatte ich’s gedacht, las ich weiter, was Hilka Nordhausen dazu zu sagen hatte:

An die jetzige Generation kann man sich mit so einem Buchprogramm nicht mehr wenden. Diese Techniken, die wir damals entwickelt haben, die haben die von klein an drauf. Die machen das sowieso alles so, was für uns eine absolute Neuheit war. Wenn ich hier in Berlin rumgeh, sind überall Elemente davon enthalten. Man hängt Bilder auf, das Dada Zeugs steht da rum, der Surrealismus ist Standardm es ist alles noch wie das, was ich 1976 Buch für Buch erkämpft habe, aber jetzt ist das banal und wirkt auf mich verstaubt.

Und jetzt fühle ich mich ertappt und denke: Tja. Man kann nicht oft genug daran erinnert werden, dass zwar vieles heute so ist, wie es ist – dass es früher aber ganz anders war.

Die Zitate stammen aus einem Protokoll von Bettina Sefkow, das 1990 in Berlin entstanden ist. Es ist auch hier online zu lesen.

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