Geniale Dilletanten: Vier Notizen zur neuen Subkultur-Ausstellung

Aufbrüche & Energieverschwendung & Politik & Prä-Internet Art

Heute eröffnet das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg die Ausstellung Geniale Dilletanten (äh, ja, das schreibt sich so!). Entwickelt wurde die Schau vom Goethe-Institut und war hierzulande bereits in München zu sehen, für Hamburg wurde sie aber von dem Kurator Dennis Conrad um eine zusätzliche Ausstellungfläche ergänzt.

Die Ausstellung behandelt keine klar umrissene Künstlergruppe und ist auch nicht einer einzelnen Stilrichtung gewidmet. Stattdessen versammelt sie Exponate verschiedener Strömungen der Kunst und Musik der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, die zumindest auf den ersten Blick viel gemein zu haben scheinen.

Geniale Dilletanten zeigt junge Maler dieser Zeit (Martin Kippenberger, Bernd Zimmer und andere), junge Designer (Michael Feith, Florian Borkenhagen, …) und acht Bands aus Westdeutschland und der DDR, die mit Fotos, Videos und Tonbeispielen vorgestellt werden (Die Tödliche Doris, Einstürzende Neubauten, Palais Schaumburg, …). Am Rande spielen auch Poster- und Schallplattendesign eine Rolle sowie Fanzines.

Auf einen Nenner gebracht geht es um »Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland«, so der Untertitel der Ausstellung.


Viel von dem, was in der Ausstellung gezeigt wird, spielte sich unmittelbar vor meiner Geburt ab und blieb mir lange fremd. Im Auto meiner Eltern lief manchmal eine Kassette mit NDW-Hits (bei Tanz den Mussolini von D.A.F. wurde vorgespult, das fand mein Vater geschmacklos) und im Wohnzimmer stand die Platte Du siehst nicht aus wie ich ausseh von Die Salinos, ein Konzertmitbringsel, wie ich später erfuhr. Der Titel der Salinos-Platte klang wie eine Ansage an die anderen LPs, die Rücken an Rücken mit ihr im Regal standen, Alben von Pink Floyd, Deep Purple und Uriah Heep. Doch was D.A.F. mit den Salinos verband? Keine Ahnung.

Als Teenager las ich Jürgen Teipels Interviewbuch über Punk und New Wave in Deutschland – damit begann die Reise in ein Land vor meiner Zeit, die sich fortsetzte, als ich heute Vormittag am Presserundgang durch die Geniale Dilletanten-Ausstellung teilnahm. Im Folgenden: Vier Notizen zu dem, was ich glaube gesehen zu haben.

der_plan_1980
Der Plan bei einem Konzert im Jahr 1980 (c) Der Plan

ERSTENS: AUFBRÜCHE

Es ist im absichtlich falsch geschriebenen Titel der Ausstellung (der einem Festival und einem  Buch der frühen 1980er entliehen ist) bereits angelegt: Ein Dilettant ist einer, der mit Leidenschaft etwas macht, das er nie richtig gelernt hat. Klar, dass dabei Fehler passieren. Aber manchmal blitzt vielleicht ein bisschen Genialität auf.

Ich vermute, dass nicht alle der gezeigten Künstler sich selbst als »Geniale Dilletanten« bezeichnen würden. Auch die anderen Begriffe, die für die gezeigten Künstler kursieren, kann man ziemlich leicht ziemlich doof finden (»Neue Deutsche Welle« oder »Post-Punk« in der Musik, »Junge Wilde« oder »Neue Wilde« in der Malerei, »Neues deutsches Design« in der Gebrauchskunst). Es ist keine Besonderheit der 1980er Jahre: Aufbrüche ins Ungewisse sind nicht leicht zu benennen. Und um Aufbrüche geht es hier.

Viele der Künstler, die in der Ausstellung gezeigt werden, haben mit Traditionen gebrochen, Grenzen überschritten oder sich auf neue Wege vorgewagt. Zum Beispiel Maler wie Martin Kippenberger oder Bernd Zimmer, die nach der bilderarmen, verkopften und asketisch anmutenden Konzeptkunst wieder gegenständlich malten, womöglich ohne dabei viel nachzudenken (damals hieß es wohl gelegentlich, sie malten »heftig«).

Dann sind da Designer, die absichtlich unpraktische Möbel bauten. Ihre Lehrer, so wurde es heute beim Presserundgang betont, standen oft in der Tradition des Bauhaus und lehrten form follows function. Doch statt ein Leben lang am perfekten Lampenschirm zu feilen, hängte Michael Feith für seine Tyranno-Leuchte einfach einem Plastikdino eine Glühbirne ins Maul. Das ist zwar eher unpraktisch, sieht aber super aus.

Schuster, bleib bei Deinen Leisten? Nö. Aus einer Zeitschrift (Mode & Verzweiflung) entstand damals eine Band (F.S.K.), aus einer Galerie (Art Attack) ebenfalls (Der Plan). Und eine Band war längst nicht nur zum Musikmachen da. Die Tödliche Doris drehte zum Beispiel auch Videos und stickte dafür einmal ihre Songtexte auf Kissen. Anschließend wurden die Kissen als limitierte Edition verkauft. In einem Zusammenhang schuf die Band (Künstlergruppe?) also Lyrik, Musik, Videos und Kunstobjekte. Es wird Leute geben, die sagen: allesamt von zweifelhafter Qualität. Aber darum ging es ja offenbar: ums Aufbrechen, nicht ums Angekommensein.

ZWEITENS: ENERGIEVERSCHWENDUNG

Heute auf dem Presserundgang war immer wieder von »Energie« die Rede. Was damit gemeint ist, versteht man intuitiv, wenn man sich ein Gemälde von Martin Kippenberger anschaut, das sehr prominent in der Ausstellung hängt: Ein Selbstporträt des Künstlers als Druffi. Kippenberger sieht in dem Gemälde schon stark zerfeiert aus, will aber noch nicht schlafen gehen. Um den Hals trägt er ein Schild mit der Aufschrift »Bitte nicht nach Hause schicken«. Er hat noch Energie! Auf geht’s, ab geht’s, drei Tage wach!

Alfred Hilsberg, der mit seinem Label ZickZack viele Platten genau jener Musiker veröffentlichte, die jetzt im Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt werden, folgte dem Motto »Lieber zu viel als zu wenig«. Was das bedeutet, erklärte er vor einigen Jahren im Interview mit Jürgen Teipel:

Lieber zu viel, als zu wenig veröffentlichen. Es gab einfach so unglaublich viele interessante Sachen. Da konnte ich nicht sagen: Das eine ist wichtig – das andere ist unwichtig. Ich wollte das lieber in der Öffentlichkeit diskutieren lassen. Und deswegen habe ich fast jeden Tag eine Platte rausgebracht. Was kommerziell gar nicht geht. […] Zickzack hatte 1981 eineinhalb Millionen Mark Umsatz. Ich habe gar nicht überschaut, was das an finanziellen Konsequenzen nach sich zieht. Ich habe mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Nicht mal über das Finanzamt.

»Energie« wurde in der besagten Subkultur der 1980er Jahre also nicht gespart, sondern verschenkt, verschwendet, rücksichtslos rausgeballert. So nannte Jürgen Teipel auch sein Buch über diese Zeit: Verschwende Deine Jugend.

DRITTENS: PRÄ-INTERNET ART

Seit einiger Zeit ist immer wieder die Rede von Post-Internet Art. Cool. Aber ich finde Prä-Internet Art gerade viel spannender. Womit ich jetzt nicht alle Kunst meine, die vor Erfindung des Internets entstanden ist (sorry, Caspar David Friedrich!). Sondern Kunst, die mit analogen Mitteln einige der Logiken vorwegnahm, die das gegenwärtige Digitalzeitalter beherrschen. Und um genau die geht es in der Geniale Dilletanten-Ausstellung.

Klingt verquast? Okay, ein Stichwort: Kompaktkassetten. Die sind zwar schon Ende der 1960er Jahre auf den Markt gekommen, wurden aber wohl erst Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre richtig wichtig. Dann nämlich wurde der Walkman veröffentlicht. Kurz darauf startete die britische Musikindustrie ihre Anti-Piraterie-Kampagne namens Home Taping Is Killing Music. Und 1983 war im Spiegel zu lesen, die Kassette habe das Potential, neue Musik viel schneller als bisher üblich aus den Großstädten in die Provinz zu bringen und im ganzen Land zu verbreiten – eben weil die Kassette sich so schnell und unkompliziert kopieren lasse.

Mobiler Musikkonsum, Copyright-Verletzungen & die schnelle Verbreitung neuer Klänge durch dezentrale, informelle Vervielfältigung: drei Themen, die unseren Umgang mit Popmusik heute mehr denn je prägen, die aber Vermächtnisse der 1980er sind. Dass einzelne Songs aus dem Album (dem künstlerischen »Werk« des Musikers) herausgebrochen wurden und einzeln kursierten, war auch keine Erfindung von iTunes, sondern der Leute, die zu Hause Mixtapes aufnahmen. In Hamburg, betont Ko-Kurator Dennis Conrad, gab es mit Rip Off sogar einen Plattenladen, der eine Zeit lang Platten gegen Geld verlieh, anstatt sie zu verkaufen (bis die Labels dem ein Ende bereiteten): eine Art Proto-Streaming?

Ein anderer Aspekt, den Dennis Conrad heute Vormittag ansprach: Neben der Kassette spielte auch das Kopiergerät als schöpferisches Produktionsmittel eine wichtige Rolle. Eine Vitrine voller Fanzines verdeutlicht das: Man brauchte in den frühen 1980ern keinen Verlag mehr, um Medienschaffender zu sein. Man brauchte nicht mal richtig viel Geld für große Druckerei-Aufträge. Zeitschriften in kleinen Stückzahlen ließen sich nun nämlich auch in eigener Handarbeit am Kopierer vervielfältigen.

Keine Überraschung: Das Urheberrecht wurde damals auch dabei eher locker gesehen. Zumindest tauchten Disney-Figuren wie Onkel Dagobert und die Panzerknacker in Punk-Fanzines auf. Weil das alles noch neu war, gab es aber wohl noch keine Abmahnwellen wie heute.

VIERTENS: POLITIK?

Bei all den Grenzüberschreitungen, Selbstverausgabungen und Experimenten ging es (einigen Akteuren? allen Akteuren?) nicht bloß um persönliche Selbstverwirklichung oder gar darum, den Kunstmarkt zu erobern. Der ZickZack-Labelchef Alfred Hilsberg schrieb damals von einer »Revolution«. Was er damit meinte, erklärte er mir, als wir uns in der vergangenen Woche hier in Hamburg zum Interview trafen:

Mir war nichts an der alten SPD- und Hippie-Ideologie gelegen. »Versöhnen statt Spalten«? Nein! Es ging mir darum, zu spalten: das Gute vom Bösen, das Neue vom Alten. […] Den Begriff der Revolution finde ich heute aber unangemessen. Als ich mein Independentlabel ZickZack gründete, merkte ich schnell, dass es eine Illusion war zu glauben, wir seien »independent«, also unabhängig. Wir hatten größte Abhängigkeiten. Wir hatten nämlich kein Geld, aber gute Ideen.

Heute Vormittag, beim Presserundgang durch die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, sprach auch der Designer Florian Borkenhagen von Illusionen, die er in den frühen 1980ern hatte:

Die Idee war, dass man damit auch Politik machen wollte, aber das war natürlich ’ne Illusion. Man macht nicht Politik, indem man ’nen Stuhl macht.

Das klingt für mich alles noch etwas diffus (Revolution? Politik?), aber festzuhalten wäre: An seinen Ansprüchen kann nur scheitern, wer überhaupt Ansprüche hat. Und mit Blick auf die Achtundsechziger kann man sagen: Die Subkultur der frühen 1980er Jahre ist nicht die einzige Bewegung in (West-) Deutschland, die ihre revolutionären Ziele verfehlte – aber dennoch einen bleiben kulturellen Einfluss hinterlassen und das Land verändert hat.

Denn die späten 1970er und frühen 1980er waren auch die Zeit, in der junge Bands anfingen, deutsche Texte zu schreiben und zu singen. Bis dahin war Deutsch die Sprache des Schlagers – und die der Pop-, Rock- und Underground-Musik mit wenigen Ausnahmen Englisch. Heute scheint sich das Verhältnis der Sprachen umgekehrt zu haben. Wer Englisch singt, ist zumindest im Mainstream die Ausnahme, die herrschende Popsprache ist Deutsch.

Nicht, dass eine direkte Linie von Palais Schaumburg und den Einstürzenden Neubauten zu Tim Bendzko und Revolverheld führt. Aber vielleicht eine ZickZack-Linie.

(Äh, und was sagt Alfred Hilsberg dazu? Nachzulesen im Interview im Hamburg-Teil der aktuellen Zeit.)

P.S.

In der biografischen Vorrede erwähnte ich D.A.F. und Die Salinos. Ich habe mich gefreut, beide Bands in der Geniale Dilletanten-Ausstellung zu entdecken. D.A.F. ist eine der acht vorgestellten Bands. Neben vielen Fotos sind auch Konzertmitschnitte zu sehen – inklusive Tanz den Mussolini

Die Salinos sind etwas besser versteckt. Sie sind nicht im Bild zu sehen, doch ihr Name wird erwähnt: Auf einem Poster für das Festival Geräusche für die 80er, das 1979 in der Markthalle in Hamburg veranstaltet wurde. Von wem? Von Hilsberg.

Die Ausstellung Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland läuft noch bis zum 30. April 2016 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Ein Begleitprogramm mit Konzerten und Kinoveranstaltungen ist für den März und April geplant.

3 Kommentare zu „Geniale Dilletanten: Vier Notizen zur neuen Subkultur-Ausstellung“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s