Original Hustlers: Zeitungsjungen & Zeitungsmädchen in der Fotografie

Lewis Wickes Hine - 11:00 A. M . Monday, May 9th, 1910. Newsies at Skeeter's Branch, Jefferson near Franklin. They were all smoking. Location: St. Louis, Missouri. (1910)

Diese drei Herren hier sind original hustlers. Jungs aus armen Verhältnissen, die an Straßenecken rumhängen und sich durchschlagen. Fotografiert hat sie Lewis Hines in St. Louis. Das war 1910. Sogenannte newsies, die auf der Straße Zeitungen verkauften, prägten damals das Stadtbild der Vereinigten Staaten.

Die New York Times berichtete in einem Artikel:

The first full-flegded American newsboys are said to to have been employed by The Sun about 1836 [Anmerkung: Gemeint ist wohl die New Yorker Zeitung]. Within a fews years all the cheaper newspapers had them. […] The newsboys were undoubtedly a rough lot, though they may have had hearts of gold under their tattered coats. They had to be hardboiled to survive at all

Offenbar wurden die newsies immer wieder als Ärgernis wahrgenommen. Die Times berichtet in den 1920ern von newsies, die saftige Geldstafen bekamen, weil sie verbotenerweise in der U-Bahn handelten oder mit ihrem Geschrei gegen Lärmschutzgesetze verstießen. Bisweilen streikten die Zeitungsjungen auch und legten mit ihren Protestmärschen für bessere Bezahlung den Verkehr lahm.


Der Fotograf und Soziologe Lewis Hines, der als Kritiker der Kinderarbeit bekannt wurde, notierte über die drei Jungen aus St. Louis, die an einem Montagvormittag auf der Straße rumhingen, statt zur Schule zu gehen: »They were all smoking.« Immerhin: Ein Gesundsheitsrisiko stellten sie wohl nicht dar, wie im Jahr 1926 eine Untersuchung der newsies in New York auf ansteckende Krankheiten ergab.

Irgendwann verschwanden die Zeitungsjungen aus den Städten. Doch nicht wenige, die jung und arm waren, schlugen sich weiter mit irregulären Jobs durch. Als Schuhputzer vielleicht, die nebenbei Lose fürs illegale Glückspiel verkauften, so wie Malcolm X es in seiner Autobiografie beschrieben hat. Oder als corner boys, die Drogen vertickten, wie es heute in  Gangsta-Rap-Texten nachzuhören ist oder zu sehen in The Wire.

Lewis Hines klagte mit seiner Kamera die Gesellschaft an, die soetwas zulässt. Seine Aufnahme der drei newsies aus St. Louis finde ich großartig, weil sie nicht nur Opfer sozialer Umstände zeigt, sondern auch den trotzigen Stolz derer, die gelernt haben, sich durchzuschlagen. Eben: original hustlers.

Nachtrag, 11. Januar 2016: Die New York Public Library hat Teile ihrer Bestände digitalisiert und online verfügbar gemacht, darunter Fotos, Grundrisse, Zeichnungen und anderes. Rund 180.000 Dateien sollen es insgesamt sein (via Kotzendes Einhorn, ausführlicher dazu abermals die New York Times in diesem Artikel).

Darunter finden sich auch Aufnahmen, die Alice Austen Ende des 19. Jahrhunderts von Menschen gemacht hat, die sie in Manhattan auf der Straße traf: Postboten, Straßenfeger, Scherenschleifer, Schuhputzer und Polizisten.

Die Fotos sind bemerkenswert, anzuordnen wohl irgendwo zwischen August Sanders schematischen Berufsporträts und der Spontaneität und Zufälligkeit der street photography. Und natürlich zeigt Austen auch newsies – in ihren Fotos sind es übrigens nicht nur Jungs, sondern auch Mädchen, die sich durch den Zeitungsverkauf ihren Lebensunterhalt verdienen.

 

P.S.: Mehr als 70 Jahre sind seit dem Tod von Lewis Hines vergangen, damit sollte das Foto, das ich aus der Library of Congress übernommen habe, heute gemeinfrei sein. Mehr Aufnahmen von Hines gibt es hier Seit dem Tod von Alice Austen sind noch keine 70 Jahre vergangen, vorsichtshalber deshalb nur Links auf ihre Fotos in der New York Public Library.

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