Vorschlag für eine Enzyklopädie der gescheiterten Ideen

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Anlasslos & aus dem Zusammenhang gerissen: ein Zitat, das ich heute in einer älteren Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (Frühjahr 2009) gefunden habe.

Dort schreibt die Germanistin und Slawistin Galina Potapova,

dass zum ‚Porträt‘ einer jeden Epoche neben all dem Realisierten genauso gut das Nichtrealisierte gehört: Bloße Pläne und Überlegungen darüber, was geschrieben werden könnte oder sollte, charakterisieren die Zeit, zu der sie gehören, vielleicht nicht weniger aussagekräftig als das, was damals tatsächlich aufgeschrieben wurde.

Merke: Auch Kunst- und Ideengeschichte wird von den Siegern geschrieben. Potapovas Anregung, dass es auch anders sein könnte, dass man fordern könne, heute auch an die unvollendeten und verworfenen Vorhaben zu erinnern, erscheint mir ebenso schön wie in letzter Konsequenz größenwahnsinnig.

Von der Idee eines historischen Porträts, das so vollständig ist, dass es auch die gescheiterten Projekte der beschriebenen Epoche umfasst, ist es wohl nicht mehr weit bis zur Landkarte im Maßstab 1:1, von der Jorge Luis Borges schreibt – und die sich für ihre Erfinder leider als nutzlos erwiesen hat.

Andererseits ist es in der Technik- und Mediengeschichte üblich, auch von Erfindungen und Prototypen zu erzählen, die nie in Serie gegangen sind. Gescheiterte technische Visionen sind als Denkanstöße oft erstaunlich verführerisch (Was wäre zum Beispiel, wenn Alfred Beach sich seinerzeit durchgesetzt hätte und Menschen heute mit der Rohrpost verschickt würden statt U-Bahn zu fahren? Und wo bleibt eigentlich mein Jetpack?).

Wieso also nicht auch gescheiterte theoretische/intellektuelle/literarische Ideen ausgraben und aufheben? Das passt zu zwei der interessanteren Museumsprojekte unserer Zeit, die sich gescheiterten Beziehungen sowie dem zertifizierten Scheitern widmen – und wäre bestens aufgehoben in einer mehrbändigen Enzyklopädie, die vermutlich ihrerseits scheitern (nämlich nie fertig gestellt werden können) wird.

P.S.: Hans Magnus Enzensberger war so freundlich, schon mal mit der Liste anzufangen.

Abb.: Seite 96 aus der Zeitschrift für Ideengeschichte, Ausgabe Frühjahr 2009. Zweierlei Tinte auf Papier.

1 Kommentar zu „Vorschlag für eine Enzyklopädie der gescheiterten Ideen“

  1. Ohja, allein der Blick auf all die architektonischen Projekte, die geplant waren – was war das für eine Gesellschaft, für die Corbusier entworfen hat? Und warum hat es doch nicht geklappt? Want want want!

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