Warum töten Polizisten in den USA Schwarze? Weil dort ein Kastenwesen herrscht, sagt die Soziologin Alice Goffman (mit Nachtrag)

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Abb.: Alice Goffmans Studie zu Rassismus und Polizeigewalt in einem Schwarzenviertel in Philadelphia

Krass. Das war mein Gedanke, als das »Klonk« in meinen Kopfhörern ankündigte, dass Alice Goffman unser Skype-Gespräch verlassen hatte. Rund eine Stunde hatten wir da diskutiert.

Alice Goffman, das vielleicht zum Hintergrund, hat mehrere Jahre als amerikanische Soziologin zu Kriminalität und Polizeiarbeit in einem Schwarzenviertel von Philadelphia geforscht. Ihre Arbeit, die in deutscher Übersetzung unter dem Titel On the Run im Kunstmann-Verlag erschienen ist, wurde in den USA wohlwollend aufgenommen.

Geplant war ein Gespräch über dieses Buch – vor dem Hintergrund der jüngsten Fälle von Polizeigewalt in den USA, die in jeder Hinsicht erschreckend sind, qualitativ und quantitativ. Ich wollte mit Goffman darüber sprechen, warum die Opfer dieser Gewalt immer Schwarze und die Täter fast immer Weiße sind.

Tatsächlich passierte dann das, was zu passieren droht, wenn man mit Soziologen spricht, die ihren Job gut machen: Es ging sehr schnell um sehr grundsätzliche Dinge. Goffman sprach über strukturellen Rassimus, über Armut und Kriminalität, und über die gigantischen Zahlen an Gefangen, die es ausgerechnet im »Land of the Free« gibt.

Eine gekürzte und übersetze Fassung unseres Gesprächs ist in als Interview auf Spiegel Online erschienen.

Krass, dachte ich danach, weil Goffmans Worte schockierend sind. Sie spricht von einem rassistischen Kastenwesen, das in grobem Widerspruch zur Verfassung in den USA bestehe. Und von einer Polizei, die systematisch härter gegen Bewohner von Schwarzenvierteln vorgehe als gegen diejenigen von überwiegend weißen Vierteln.

Krass, dachte ich vor allem, weil ich das, was Alice Goffman sagt, nicht in Gänze unschlüssig finde. Die Kritik der Masseninhaftierungen ist nicht neu, die New York Times berichtete etwa im vergangenen Jahr von einer Studie im Auftrag des US-Justizministeriums, die zu verheerenden Ergebnissen kommt:

Since the early 1970s, the nation’s prison population has quadrupled to 2.2 million, making it the world’s biggest. That is five to 10 times the incarceration rate in other democracies.

On closer inspection the numbers only get worse. More than half of state prisoners are serving time for nonviolent crimes, and one of every nine, or about 159,000 people, are serving life sentences — nearly a third of them without the possibility of parole.

Weiterhin hieß es dort:

The severity is evident in the devastation wrought on America’s poorest and least educated, destroying neighborhoods and families. From 1980 to 2000, the number of children with fathers in prison rose from 350,000 to 2.1 million. Since race and poverty overlap so significantly, the weight […] continues to fall overwhelmingly on communities of color, and particularly on young black men.

After prison, people are sent back to the impoverished places they came from, but are blocked from re-entering society. Often they cannot vote, get jobs, or receive public benefits like subsidized housing — all of which would improve their odds of staying out of trouble.

Die Fakten waren mir also ungefähr bekannt. Doch erst durch Alice Goffmans drastische Wortwahl, den Zorn in ihrer Stimme und ihr Ringen um Fairness bei aller Schärfe ihrer Kritik, fing ich an zu verstehen, was da passiert.

Nach dem »Klonk« und dem »Krass«, entdeckte ich dieses Interview mit David Simon, in dem der frühere Polizeireporter und Autor von The Wire über den Tod von Freddie Gray spricht. Es hilft, ein bisschen detaillierter und am konkreten Beispiel von Baltimore zu begreifen, was in der Politik und in der Polizeiarbeit falsch läuft.

[Nachtrag, 28. Mai]: Das zweite »Krass« im Fall Goffman: Steven Lubet, ein Autor der New Republic hat heute die Anklage erhoben gegen Alice Goffmans allzu große Nähe zu den Männern, deren Leben sie erforschte. Demnach habe sie nicht nur eine moralische Fehlentscheidung getroffen, sondern sich bei der Recherche auch einer Straftat schuldig gemacht: sie fuhr das Auto, als einer der von ihr Beobachteten einen Mord rächen wollte, wozu es dann nur deshalb nicht gekommen ist, weil die Rächer ihr Opfer nicht aufspüren konnten.

Tatsächlich beschreibt Goffman das in ihrem Buch, was mir entgangen ist, als ich mich im Vorfeld des Interviews mit ihrer strukturellen, politischen Kritik auseinandersetzte und nicht genug Aufmerksamkeit auf ihre Feldforschung und partizipative Beobachtung verwendete. In der deutschen Übersetzung heißt es (S. 345f.):

In vielen Nächten fuhren Mike und Steve herum, um nach dem Schützen zu suchen, den Mitgliedern seiner Gruppe oder den Frauen, die mit ihnen in Verbindung standen und vielleicht brauchbare Hinweise liefern könnten. In einigen dieser Nächte hatte Mike niemanden, der mit ihm fuhr, also bot ich mich freiwillig an. Wir fuhren gegen drei Uhr morgens los, Mike auf dem Beifahrersitz, mit der Hand auf seiner Glock, während er mich durch den Stadtteil dirigierte. Wir spähten in dunkle Häuser und prüften Nummernschilder und Automodelle […]. Ich stieg zu ihm ins Auto, weil ich genau wie Mike und Reggie wollte, dass Chucks Mörder stirbt.

Das ist eine Stelle, die zwar nicht ihre strukturelle Kritik in Frage stellt, wohl aber ihre Methodik und ihre kritische Distanz. Es wäre ein Punkt gewesen, der mir hätte auffallen und auf den ich sie in unserem Interview hätte ansprechen müssen.

 

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