Roboter klauen Deinen Job? Gut so! Warum die Automatisierung eine Chance ist – und eine politische Aufgabe

In einem Essay in der aktuellen New York Review of Books, der auch kostenlos online zu lesen ist, plädiert Sue Halpern dafür, die Robotik nicht allein den Roboterforschern zu überlassen.

Denn: Die Automatisierung der Arbeit durch Roboter und Algorithmen betreffe nicht nur jene, die sie vorantreiben und die am meisten von ihr profitieren (nämlich finanziell) sondern auch alle, deren Jobs von ihr überflüssig gemacht werden könnten. Halpern verweist unter anderem auf The Future of Employment, eine Studie, derzufolge in den kommenden zwanzig Jahren ein großer Teil menschlicher Arbeit(splätze) überflüssig werden könnte.

(Nebenbemerkung: Die Süddeutsche hat einen recht lustigen Selbsttest dazu veröffentlicht: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich durch einen Computer ersetzt werde?)

Sue Halpern hält die Automatisierungs-Lobby offenbar für wenig umsichtig, was diese Probleme angeht. Sie zitiert aus dem offenen Brief zu den Vorzügen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz, den eine Reihe von Forschern und Investoren im Januar unterzeichnet haben (darunter auch der Philosoph Nick Bostrom, dessen Buch zum Thema ich für Spiegel Online rezensiert und den ich für die aktuelle Ausgabe von Zeit Campus interviewt habe).

Halpern schreibt über diesen Brief und die angehängte Liste mit Forschungsempfehlungen:

[T]heir research plan, for example, looks to »maximize the economic benefits of artificial intelligence while mitigating adverse effects, which could include increased inequality and unemployment.« The priorities are clear: money first, people second.

Ich finde Halperns Argumente überzeugend. Technischer Fortschritt produziert Gewinner und Verlierer (wobei es in der Realität vermutlich einen größeren Graubereich zwischen beiden geben wird, als diese polemisch verkürzte Formulierung zulässt). Das hat der technische Fortschritt mit allen anderen Formen von Veränderungen gemein. Da es sich aber um eine menschgemachte Veränderung handelt, sollte die Öffentlichkeit (aka. »We, the People«, wie Halpern in Bezug auf die amerikanische Verfassung schreibt) versuchen, einzugreifen und zu lenken.

Es gilt, demokratische Verfahren zu nutzen, um widersprüchliche Interessen zu moderieren. Sonst setzen sich am Ende die wenigen Stärksten durch, die sich durch das Vorantreiben der Automatisierung finanzielle Vorteile ausrechnen.

Ein Aspekt stört mich aber an Halperns Essay. Sie scheint zu argumentieren, dass es sich lohnt, Arbeit, die automatisierbar ist, gegen die Automatisierung zu verteidigen:

There is a certain school of thought, championed primarily by those such as Google’s Larry Page, who stand to make a lot of money from the ongoing digitization and automation of just about everything, that the elimination of jobs concurrent with a rise in productivity will lead to a leisure class freed from work. Leaving aside questions about how these lucky folks will house and feed themselves, the belief that most people would like nothing more than to be able to spend all day in their pajamas watching TV—which turns out to be what many »nonemployed« men do—sorely misconstrues the value of work, even work that might appear to an outsider to be less than fulfilling. Stated simply: work confers identity.

Äh, ernsthaft? Halpern zitiert eine irische Studie, die zeige, dass Arbeiter sich mit ihrer Arbeit identifizierten – selbst, wenn sie nur Supermarktregale einräumen. Eine weitere Studie zeige, dass der Arbeitsplatzverlust mit einer erhöhten Sterberate älterer Arbeiter in den USA einhergehe (mehr dazu hier).

Diese Denkweise finde ich einigermaßen fatal. Denn was folgt daraus? Dass wir uns von der Utopie einer »leisure class freed from work« verabschieden sollten, bloß weil Larry Page sie als Konzernpropaganda nutzt?

Und der Einschub » … which turns out to be what many »nonemployed« men do«: Halten wir unsere Mitmenschen (männlichen oder anderen Geschlechts) ernsthaft für zu dämlich, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, wenn ihnen Chef und Stechuhr nicht mehr vorschreiben, was zu tun ist? Glauben wir wirklich, dass Lohnarbeit das einzige ist, das sie vor der sozialen und intellektuellen Verwahrlosung bewahrt?

Diesem Pessimismus kann ich mich nicht anschließen. Selbstverständlich gibt es Arbeit, die sinnstiftend ist, obwohl es sich dabei nicht um Lohnarbeit handelt.

Vor allem bezweifle ich stark, dass – Studien hin oder her – der Umkehrschluss stimmt, alle Lohnarbeit sei sinnstiftend. Statt Lohnarbeit zu verherrlichen, könnte man auch argumentieren, dass wir alles wegautomatisieren sollten, was sich wegautomatisieren lässt (mit ein paar begründeten Ausnahmen), und darauf achten, dass die Erträge der automatisierten Wertschöpfung nicht nur wenigen, sondern möglichst allen Menschen zu gute kommen.

Vermutlich ist es in der Tat tödlich, das Gefühl zu haben, nicht gebraucht zu werden. Es wäre aber zynisch zu glauben, dass viele Menschen ausschließlich zum Einräumen von Supermarktregalen gebraucht werden. Zumal diese Annahme in alternden und zur individuellen Vereinzelung neigenden Gesellschaften schlicht falsch ist.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s