Tschüß, Hans Hoff. Ein Kritiker, der nicht mehr kann, dankt ab

Ein Mann namens Hans Hoff will nicht mehr Journalist genannt werden. Schuld ist die Berichterstattung über den Absturz von Flug 4U9525. Das schreibt Hoff in seiner Kolumne für den Mediendienst DWDL.de.

Dort heißt es:

Schnelle Reaktionen gab es in der vergangenen Woche jede Menge. Schnelle Reaktionen sind wohl wichtig, wenn man in einem schnellen Gewerbe arbeitet. […] Jeder will die Geschichte für sich. Möglichst als erster. Wer mal gesehen hat wie Hyänen sich gegenseitig von der Beute wegbeißen, hat eine Ahnung davon, wie sich Fotografen und Kamerateams manchmal aufführen.

Interessant wäre, wenn diese Reaktion auf einen vorschnellen Journalismus sich selbst als vorschnell erweisen würde. Denn, Pardon: Nicht jeder Journalismus ist Nachrichtenjournalismus. Und Nichtnachrichtenjournalismus kann alles sein, was Journalismus angeblich immer gewesen ist: informiert, aufklärerisch, respektvoll (wenn’s sein muss), originell, usw. usf. Was nicht heißt, dass Nachrichtenjournalismus das nicht sein kann.

Aber es geht hier um die Sache mit dem Kind und dem Bade.

Der wichtige Punkt ist: Wer »der Journalismus« sagt, macht es sich genauso viel zu leicht wie jene, die »die Medien« sagen oder meinetwegen auch »die Lügenpresse«. Zu kritisieren bedeutet, Unterschiede zu erkennen und zu benennen. Das passiert mir im Moment zu selten. Und Hoffs Kolumne ist ein Paradebeispiel dafür, wie alles verschwimmt, wenn man bereit ist, statt Menschen nur noch eine »Meute« zu sehen.

Wenn ich dort lese, dass »der Journalismus« zugleich ein »hohles Gefäß«, eine »tote Hülle« und eigentlich gar nicht existent sei, muss ich an William Zinsser denken. Der schrieb in seinem Buch On Writing Well:

Clear thinking becomes clear writing; one can’t exist without the other.

Aber lassen wir Herrn Hoff seine Metaphern, auch die schiefen. Wundern wir uns nicht, dass er über alle schimpft, bloß nicht über seinen Arbeitgeber DWDL.de, von dem man ja durchaus hätte erwarten können, dass er sich die Mühe macht, das Manuskript seines Kolumnisten wenigstens sprachlich zu redigieren.

Lassen wir Hoff weiterhin seine nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit, in der Journalismus angeblich nicht nur ganz anders, sondern auch viel besser war. Verzeihen wir ihm, dass er die Menschen, die er nicht mehr »Kollegen« nennen will, nicht einfach nicht mehr »Kollegen« nennt, sondern »widerlichste Gestalten«.

Fragen wir ihn nicht, warum er zornig auf etwas eindrischt, dass er doch angeblich für längst und unrettbar zerstört hält. Lassen wir ihn gehen. Es gab schon viele Abschiede, darunter auch solche, die – aller Verbitterung zum Trotz – würdevoll gelangen. Der Journalismus in all seiner Vielfalt wird diesen dramatischen Exit überstehen.

Tschüß, Hans Hoff.

[Nachtrag, 31. März 2015] Wie geht es besser? Zum Beispiel so. Mika Baumeister ist kein Berufskritiker, sondern Schüler des Joseph-König-Gymnasium, schreibt er. Doch seine Kritik der Berichterstattung in Haltern ist scharf, präzise und geprägt von einem bemerkenswerten Bemühen darum, trotz vieler Zumutungen die Fassung nicht zu verlieren.

Anm.: Eine frühere Fassung dieser Verabschiedung habe ich bereits auf Facebook veröffentlicht.

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