Seuche, Krieg & Souvenirs: Die Ausstellung Crisis auf St. Pauli

Ausstellung "Crisis" in der Galerie Genscher, November 2014 (Foto: Oskar Piegsa)

Abb. 1: Ungewöhnliche Souvenirs: Vorne Sand nicht aus Sylt, sondern aus Gaza, hinten ein, äh, Fußabtreter? aus Libyen

Wann fing es an, dass Menschen von ihren Reisen Souvenirs mitbrachten? Pilger sammelten wohl schon in vierten Jahrhundert Steine, die sie später an ihre Reisen erinnern sollten. Das berichtet Anja Arp im Deutschlandfunk. Als Goethe 1786 nach Italien reiste, sah er dort Souvenirs, die künstlich gefertigt und von Händlern verkauft wurden.

Die Begriffsgeschichte des Souvenirs scheint allerdings erst später einzusetzen: Als dem Schlagersänger Bill Ramsey 1959, in der Zeit des aufkommenden Massentourismus, mit Souvenirs ein Nummer-Eins-Hit gelang (hier gibt’s den Song auf YouTube), meinte er mit diesem Begriff jedenfalls noch keine Reiseandenken. Sondern: »Von der Gitarre eine Saite, die Elvis schlug / und den Verschluss der Bluse, die Lollobrigida trug«. Ramsey besang keine Souvenirs im heutigen Sinne, sondern Pop-Devotionalien, Memorabilia wie im Hard Rock Café.

Immerhin: Souvenirs und Devotionalien sind sich darin ähnlich, dass sie eine Verbindung schaffen sollen. Diese Dinge umgibt eine Aura (wobei man jetzt mal Walter Benjamin fragen müsste, wie das überhaupt sein kann, immerhin sind die meisten Souvenirs industriell gefertigt), die uns die Ferne näher scheinen lässt. Oder ferne Menschen. Meistens erinnern Souvenirs an Sehnsuchtsorte: Paris! New York! Sylt!

Was aber, wenn die Mitbringsel aus Bürgerkriegsländern und Seuchengebieten stammen? Das ist eine der Fragen der Ausstellung Crisis, die gestern in der Galerie Genscher auf St. Pauli eröffnet worden ist.

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Abb. 2-5: Auf der Vernissage: Die Galerie Genscher, DJ Mauru, Gäste, Ebola-Schaukasten (im Uhrzeigersinn)

In der Galerie Genscher gibt es keine Heizung, bloß Bier. Gestern Abend wurde es trotz der frostigen Temperaturen ziemlich drängelig in dem Puppenhaus aus alten Schiffscontainern, das seit einiger Zeit an der Ecke Reeperbahn und Budapester Straße steht. In der Doppelausstellung Crisis sind mehrere Plastiken und eine Projektion des Künstlers Thomas Ehgartner zu sehen. Daneben sind Objekte ausgestellt, die Malin Schulz gesammelt hat, und die aus den in Deutschland derzeit medial präsentesten Krisengebieten stammen: Ukraine, Syrien, Sierra Leone.

In ihrer bürgerlichen Existenz ist Malin Artdirektorin bei der Zeit. Sie war auch eine der Gründerinnen von Zeit Campus, wo ich heute als Redakteur arbeite, daher kenne ich sie. Außerhalb der Arbeitszeit startet Malin immer wieder künstlerische Projekte, die dem journalistischen Ansatz zuwider laufen. Die sich zwar mit ähnlichen Themen befassen wie ihre journalistische Arbeit, die aber – wo Journalisten oft verstehen, erfahren, verdichten, vereinfachen, erklären wollen – Projekte der künstlerischen Verkomplizierung sind.

Zuletzt zeigte Malin Fotos aus Gaza Beach, die nicht Islamismus, Terror, Krieg, Abschottung und Unterdrückung abbildeten, sondern den Strand- und Straßenalltag. Es waren Bilder von poetischer Banalität – und eine Verunsicherung der längst zum Klischee erstarrten grellen Eindeutigkeiten, die viele journalistische Fotos aus Israel, Gaza und dem Westjordanland prägen. (Einen vergleichbaren Ansatz verfolgt Trevor Snapps beeindruckende Street-Fashion-Fotostrecke Sommer in Mogadischu, die neulich in Vice erschienen ist.)

Jetzt, in der Ausstellung Crisis, zeigt Malin also Mitbringsel aus Krisengebieten. Viele davon haben Reporter der Zeit mitgebracht, deren Namen und persönliche Geschichten aber verborgen bleiben. In einer Ecke der Galerie liegen Ausdrucke anonymisierter E-Mails aus, in denen man einige Zeilen zum Hintergrund der einzelnen Mitbringsel lesen kann – mehr nicht. Crisis geht es nicht um heroisches Reportertum, wobei das Zeug dazu durchaus gegeben wäre, wenn in den E-Mails von ukrainischen Luftschutzbunkern zu lesen ist, von Schutzvorkehrungen im Ebola-Gebiet und von den Trümmern eines Geschosses, das einen der Reporter in Syrien beinahe getötet hätte.

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Abb. 6: Ein Teil einer S5-Rakete aus Syrien, die dort von Regierungstruppen abgeschossen wurde

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Dinge selbst – und die krisenhaften Kontexte, aus denen sie entnommen sind. Eine kleine Heiligenikone ist zu sehen, die unter den gezeigten Objekten noch am ehesten einem industriell gefertigten Souvenir ähnelt. Sie stammt aus einem christlichen Priesterseminar im Irak, das es heute wohl nicht mehr gibt – es liegt im Gebiet, das inzwischen von IS/ISIS erobert worden ist.

Daneben, in einem aseptisch wirkenden Schaukasten, liegt ein Bündel weißer Hemden. Sie sind fleckig  und wirken ungewaschen. Ein Presseausweis und eine Broschüre mit Warnhinweisen zur Übertragung von Ebola lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um Hemden aus einem Seuchengebiet in Westafrika handelt.

Dieses Exponat war für mich das eindrucksvollste der Ausstellung. Klar, ich ahnte, dass das Virus (wenn es sich denn tatsächlich einmal in diesem Kleidern befunden hat) längst abgestorben ist, dass ich mich nicht anstecken kann, selbst wenn ich den Plexiglasdeckel der Vitrine öffnen würde. Aber trotzdem stand ich da, Bier in der Hand, Musik von Vernissage-DJ Mauru im Ohr, und fühlte mich beklommen.

Diese Verdichtung von Ungleichheiten (die Gesunden feiern, die Kranken sterben), die Dynamik aus Wissen und Verdrängen (ich weiß, dass Menschen Hilfe brauchen, aber ich tue nichts) erlebe ich im Grunde jeden Tag. Es ist die klassische Erfahrung des Zeitungslesers, der von Krieg und Elend liest, dann aufblickt und die übrigen Latte-Macchiatto-Trinker im Café sieht, oder die anderen privilegierten, griesgrämigen Berufspendler im Bus. Selten habe ich diese ambivalente Position jedoch so heftig und bewusst erlebt wie gestern Abend.

Crisis ist eine bemerkenswerte Schau, in die eine zweite Bedeutungsebene eingezogen wird durch Thomas Ehgartners scheinbar affirmative, ungebrochene Plastiken von Handgranaten und anderem Kriegsgerät. Und eine dritte durch den Raum der Containergalerie selbst, der nicht mehr nur für globalen Handel und Austausch steht (Souvenirs!) sondern längst selbst für eine Krise, für den illegalen Transport und für die kaum menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen, die Krieg, Terror und politischer Verfolgung entkommen konnten.

Nur an diesem Wochenende, also noch bis zum morgigen Sonntagabend, ist Crisis in der Galerie Genscher zu sehen. Weitere Infos dazu gibt es hier.

Objekte, die von Politik und Zeitgeschichte erzählen, interessieren mich auch deshalb, weil ich mit dem Fotografen Claudius Schulze eine ähnliche Sammlung gestartet habe: auf unserer Website Die Dinge Europas.

Nachtrag, 29.11.2014, 17:45 Uhr: Eine frühere Version dieses Postings enthielt ein Foto, dass die Anonymität eines der Zuträger von Malin Schulz gefährdete. Ich habe das Bild auf ihren Wunsch hin entfernt.

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