Wie soll Kritik sein? Anmerkungen zur Diskussion »Etwas formiert sich« von Georg Diez, Ina Hartwig & Florian Kessler

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Abb.: In Ermanglung eines passenden Symbolbildes – hier ein unpassendes (photo by @Doug88888, via, CC By-Nc-Sa)

Über Literaturkritikund auch über Popkritik – wurde in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert. Oft waren die Diskussionen eher nervig.

Denn wie weit kann man in einem Gespräch kommen, das mit den Fragen beginnt, wie es in Zeiten von Amazon-Rezensionen um die Notwendigkeit finanziell & intellektuell einigermaßen abgesicherter Kritikertätigkeit steht und ob es angesichts der aus sogenannten Schwärmen extrahierten Durchschnittsmeinung noch Menschen brauche, die sich mit pointierten & begründeten Einzelmeinungen zu Wort melden?

Die Antworten auf dese Fragen sind banal: Nein, Amazon-Rezensionen machen das institutionalisierte Feuilleton nicht überflüssig (zumindest nicht, solange das institutionalisierte Feuilleton gute Arbeit leistet) und nein, Durchschnittsmeinungen interessieren niemanden. Oder zumindest: Niemanden außer Frau Dr. Merkel & außer der Markforschung, was meinetwegen okay ist, aber nichts mit Kritik zu tun hat.

Und dann ist die Gesprächszeit vorbei.

Jetzt: das Aufatmen. Manchmal bricht der Himmel auf und ein Sonnenstrahl kommt durch. Oder, um weniger in der Naturmetaphorik zu verharren: Manchmal entsteigt dem hysterisierten Medienbetrieb ein n+1. Warum sollte das nur in den Vereinigten Staaten gelingen? Nachdenken ist jetzt auch in Deinem Land verfügbar.

Der Kritiker Florian Kessler (bisher vor allem für seine Fähigkeit bekannt, Badeschaum mit der Axt zu zerteilen und selbiges in pointierten Selbstanklagen zu beschreiben) diskutierte am Sonntag mit dem Kritiker Georg Diez (bekannt vor allem für die Behauptung, Christian Kracht sei ein Nazi) und der Kritikerin Ina Hartwig (bekannt für Besonnenheit & Klugheit, wenn auch nicht für krachende Pointen). Das war in Hildesheim auf dem Prosanova-Festival. Titel des Gesprächs: »Etwas formiert sich«.

Litradio hat einen Audio-Mitschnitt ins Netz gestellt:

Einige Höhepunkte:

Diez sagt, es sei

eine normale Position eines denkenden Menschen, dass man sich wahnsinnig viele Feinde macht […] wenn man selbst wach sein will.

Hartwig erwidert:

Ich bin an Verfahrensweisen interessiert […], ich will mit Literatur Erfahrungen machen.

[…]

Hartwig über Diez:

Das ist ein Potpourri von Ressentiments.

Diez zu Hartwig:

Das ist interessant, dass Sie jetzt sofort aggressiv werden.

Hartwig zu Diez:

Das wollen Sie doch, das tue ich Ihnen zu Gefallen.

[…]

Diez über sein Selbstverständnis:

Ich bin nicht primär Literaturkritiker sondern Zeitgenosse.

Literatur sei nur einer von mehreren Zugängen zu Gegenwart und konkurriere mit anderen Zugängen, »in die Ukraine fahren«, oder so.

Hartwig über ihr Selbstverständnis:

Relevanz ergibt sich aus der Sprache. Mich interessieren auch Stoffe, aber ich würde nicht sagen, man muss jetzt da und da drüber schreiben, ich will von der Wahrnehmung überrascht werden.

Das alles macht: Spaß.

Nicht nur, weil sich zwei kluge & zivilisierte Leute ins Wort fallen, sondern weil hier zwei unterschiedliche Haltungen und Methoden aufeinanderprallen. Wer gewinnt? Egal. Oder: alle. Weil beide Haltungen & Methoden im direkten Nebeneinander besser zu erkennen und zu vergleichen sind.

Man könnte das alles auf die Formel bringen:

  • die eine Haltung behandelt Literatur als symptomatisch für außerliterarische Wirklichkeit (Zeitgeist & Gesellschaft & Politik), die andere als autonome Kunst
  • die eine Methode polemisiert (weil sie didaktisch ist), die andere differenziert (weil sie analytisch ist)
  • die eine steht eher in der erzieherischen Tradition der Aufklärung, die andere womöglich eher in der Tradition des »emphatischen Nachvollziehens« der Romantik, so wie Sven Lütticken das in seinem Essay »A Tale of Two Criticisms« (Link zur PDF) formulierte

Ich vermute, dass die intellektuelle Ina Hartwig diese Unterstellung (»Romantik!«) weit von sich weisen würde (es fällt auf, dass sie sich auf Derrida und andere Theoretiker bezieht, während Diez über die Germanistik spottet und zu Theorie & Studiertheit schweigt).

Überhaupt werden solche schematischen Verkürzungen Diez & Hartwig Unrecht tun. Vielleicht sind sie dennoch zulässig, weil es hier um etwas anderes geht als um die Würdigung zweier Kritiker: Nämlich um die Frage nicht nach der Notwendigkeit der Kritik, sondern nach idealtypischen Ausdrucksformen der Kritik.

Wie soll Kritik sein? Bitte hören Sie hin & entscheiden Sie selbst.

1 Kommentar zu „Wie soll Kritik sein? Anmerkungen zur Diskussion »Etwas formiert sich« von Georg Diez, Ina Hartwig & Florian Kessler“

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