Fünf deutschspachige Popsongs, die erstaunlich wenig nerven

Kreisky: Selbe Stadt, anderer Planet (vom Album Blick auf die Alpen, 2014)

»Kennste Kreisky? Die Band?« – »Joah«, antwortet der Freund aus München und könnte nicht unüberraschter klingen. Okay, ich bin spät dran. Wie halb Norddeutschland. Wir hören halt wenig FM4 hier. Es dauert, bis österreichische Bands nach Hamburg vordringen. Was bedauerlich ist, denn Kreisky hätte ich ruhig schon vor ein paar Jahren entdecken können. Diese Band (aus Wien) hat mein Vertrauen in die Popmusik wiederhergestellt.

Denn: Wow, es gibt noch deutsche Texte, die nicht nerven! Wow, es gibt noch Songs mit Gitarren, die nicht nerven! Alter, machen die gute Videos! Vergleichen Sie zur kritischen Überprüfung der unanfechtbaren Wahrheit dieser Thesen bitte auch dieses & jenes & nicht zuletzt das hier aus dem Frühwerk der Band.

Blick auf die Alpen heißt das neulich veröffentlichte neue Album von Kreisky. Es wird sich zirka Mitte Dezember als eines der besten des Jahres 2014 erweisen. Glaube ich ganz fest.

Zucker!: Alles Amazing (vom Sampler Keine Bewegung, 2014)

Wir waren schon auf einem halben Dutzend Zucker!-Konzerte gewesen. Übertreibe ich? Jedenfalls fühlte es sich so an. F. und ich hatten die Band zuerst im Nachtasyl gesehen, das war ihr allererstes Konzert, Zucker! waren damals Vorgruppe eines Acts, dessen Namen ich inzwischen vergessen habe.

Es folgten Auftritte im Pudel, in der Astra-Stube, jetzt im Golem. Ich hatte dafür den halben Freundeskreis mobilisiert – und versprach ein Konzert, von dem wir noch unseren Enkeltöchtern erzählen würden.

Trotzdem war F. enttäuscht. »Unerhaben« fand er den Auftritt, wegen des schlechten Sounds. C. war auch nicht begeistert: »I would have expected two bombshells«, sagte er. J. gefiel es gar nicht so schlecht und er begann gleich zu Theoretisieren (»Krautrockschlager … Techno mit den Mitteln des 80er-Synthiepop … «).

Genörgel, Chauvinismus, Intellektualitätsvortäuschung – normalerweise bin ich dafür zu haben, aber heute interessierte mich nur, was M. zu sagen hatte. Ich erzählte ihr, dass ich nach jedem Zucker!-Konzert das unbedingte Verlangen verspürte, endlich selbst eine Band zu gründen. M. sagte: »I thought exactly the same thing.« Amazing.

Zugezogen Maskulin: Undercut, Tumblrblog (nur online veröffentlicht, 2012)

Dass Rapper jetzt Reinald Grebe zitieren, so wie Grim104 in Crystal Meth in Brandenburg: gewöhnungsbedürftig. Wird es bald A cappella-Hooklines geben? Oder Jongleure und Feuerspucker und Einradfahrer auf den Konzerten? Oder ist das Unbehagen, das mich bei derartiger Kleinkunst beschleicht, nur einer jugendlichen Überdosis Tocotronic geschuldet?

Den Lobgesang, den Tobias Rapp auf Crystal Meth … in seiner Rezension Spiegel anstimmte, kann ich jedenfalls nicht gänzlich verstehen (trotzdem geil, denn vor Rapp war es für mich unvorstellbar, ausgerechnet im Spiegel interessante neue Popmusik zu entdecken, geschweige denn Rapper).

Eine aktualisierte Version des Tocotronic-Hits Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst stammt ebenfalls von Grim104, bzw. von dessen Gruppe Zugezogen Maskulin. Der Track heißt Undercut, Tumblrblog und ist der beste Beitrag zur Hipster-Debatte seit Mark Greif – und pointierter als so manches Generationen-Buch.

Susanne Blech: Die Maschinen laufen heiß (vom Album Triumph der Maschinen, 2012)

»Ein Popsong ist ein Vertrag für drei Minuten, der darauf basiert, was man auf Englisch suspension of disbelief nennt«, las ich heute morgen im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über Welt verhindern, das soeben veröffentlichte Album der Band Susanne Blech. Kopfschütteln über Rührei.

Nicht, dass ich nicht auch schon etliche verquaste Sätze geschrieben hätte, die wenig mehr besagen als: »Achtung, Achtung, der Autor hat die Einführungsvorlesung der Amerikanistik absolviert (Nebenfach Politikwissenschaften)!«

Aber man kann den Charme dieser Band vielleicht auch pointierter fassen: Die Songs von Susanne Blech sind ziemlich ätzend, aber auf die interessante Art.

Ja, Panik: Libertatia (vom Album Libertatia, 2014)

Libertatia von Ja, Panik ist der gefühlte Konsens-Indiehit der ersten Jahreshälfte. Warum auch nicht? Selten war der Text eines Popsongs so dicht am aktuellen Geschehen (Lampedusa, Kepler-186f, … ) und zugleich so lässig.

Chapeau auch für das fantastische Video, das in einer Liga mit Kreisky spielt. Bloß das dazugehörige Album ist leider ein bisschen langweiliger als zum Beispiel der Vorgänger The Angst and the Money, finde ich.

P.S.: Zynismus ist kacke. Dass ich neulich noch empfahl, einen weiten Bogen um alle neuen deutschsprachigen Platten zu machen, entsprach gar nicht meiner echten Meinung. Deshalb zur Korrektur: siehe oben.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s