Darf man noch »Hipster« sagen? (2) Hier kommen die »Mipsterz«

Video: Das sindse, die selbsterklärten »Mipsterz«

Ein Video auf YouTube: Junge & hübsche & selbstbewusste Frauen fahren mit dem Longboard durch die Stadt, laufen im Gegenlicht durch den Park, hängen auf Feuerleitern rum. Im Hintergrund rappt Jay-Z über die Skandalnudel der Saison (»Twerk, Miley, Miley, twerk!«). Nach zweieinhalb Minuten ist alles vorbei. Tja. Sonst noch was? Ach ja: die Frauen tragen Kopftuch.

»Mipsterz« heißt das Video, das Anfang des Monats veröffentlicht wurde. Das ist kurz für »Muslim Hipsters« und es gibt bereits die dazu passende Fanpage auf Facebook, eine Google-Group und einen Hashtag auf Twitter. Und einen Tumblr, natürlich.

Mein erster Gedanke dazu war: Wow. Das fast bis zur Bedeutungslosigkeit verkümmerte H-Wort taucht hier in einem neuen Kontext auf, dieses Mal als Selbstbezeichnung – und provoziert auf einmal wieder. Das »Mipsterz«-Video ist eine Adrenalinspritze für die »Hipster«-Debatte.

… oder nicht. Denn das H-Wort ist hier wohl nur eine von mehreren Provokationen, die sich vor allem an Muslime richten – eine andere ist der Soundtrack, in dem Jay-Z über Geld, Karriere und Sex rappt (okay, nicht wirklich über Sex, bloß über Twerking).

Die Diskussion um die »Mipsterz« ist wohl in erster Linie eine Diskussion um das Verhältnis von Religion und Materialismus (Mode, Konsum, Genuss, Eitelkeit) und betrifft als solche Muslime, nicht Freizeit-Feuilletonisten, Poptheoretiker und Tresenthesentypen. Das Schöne am Internet ist, dass wir dennoch den öffentlichen Teil dieser Diskussion verfolgen können.

Manche muslimischen Kommentatorinnen meinen, es bräuchte mehr solcher Verunsicherungen und Denkanstöße (das schreibt sinngemäß die Journalistin Yasemine Hafiz). Andere argumentieren, das Video gehe an der Lebensrealität vieler amerikanischer Muslima vorbei – und sei nicht viel mehr als ein Loblied den Kapitalismus (das schreibt Suad Abdul Khabeer, eine Anthropologin, die u.a. über muslimischem HipHop nachdenkt).

Den ersten und interessantesten Text, den ich zu den »Mipsterz« gelesen habe, hat Kübra Gümüşay geschrieben. Sie befasst sich mit den Reaktionen auf das Video innerhalb der muslimischen Community und verteidigt das Auftreten der Frauen im Video im Sinne eines Pluralismus muslimischer Lebensentwürfe:

I feel an underlying problem is our inability to accept that a public Muslim might choose not to talk about “hard facts”, politics, Islamophobia, discrimination and racism in our societies but “give in” to popular mainstream culture, even if for a two minutes video. It is somehow regarded as a “betrayal” if a public Muslim is not acting first and foremost as a Muslim but seems to be carelessly enjoying the amenities of comfortably living in the West, glorying in it’s wealth, celebrating fashion and life in general – “while our brothers and sisters in (insert a country & problem) “…

Für alle, die sich (wie ich) in der muslimischen Blogosphäre nicht allein zurecht finden, bieten Buzzfeed oder die Huffington Post Einstiegshilfen in die Online-Diskussion der ersten Tage.

P.S.: Die »Mipsterz« haben mich an Michael Muhammad Knights Romans The Taqwacores und an den »Punk Islam« erinnert, der ebenfalls mit Lust an der Provokation und mit den Mitteln der Popkultur muslimische Selbst- und Fremdbilder in Bewegung brachte.

Der Unterschied ist, dass es beim »Punk Islam« nicht um eine innermuslimische Angelegenheiten ging, sondern um junge Muslime, die unter dem Eindruck der verhärteten Fronten nach den Terroranschlägen des 11. Septembers sich jenseits von weißen Rassisten und muslimischen Fundamentalisten positionierten und, wie Knight immer wieder betonte, »den Mittelfinger in beide Richtungen streckten«. Ich habe hier darüber geschrieben.

Keine Überraschung: Im Mipsterz-Tumblr taucht ein Foto von Tesnim Sayar und ihrem »Mohawk-Hijab« auf.

2 Kommentare zu „Darf man noch »Hipster« sagen? (2) Hier kommen die »Mipsterz«“

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