Darf man noch »Hipster« sagen? Und was hat das mit Miley Cyrus zu tun? Schnelle Zwischenbilanz zur jüngsten Begriffsgeschichte

Video: Miley Cyrus verwandelt bei den American Music Awards die Bühne in ein Tumblr. Ein später Sieg des Hipsterism?

Es ist ja nicht so, dass wir immer gewusst hätten, wovon wir sprachen. OK, früher (zu Zeiten von Diedrich Diederichsens Sexbeat), oder ganz früher (zu Zeiten von Norman Mailer & Twen), da wussten die Leute vielleicht, was gemeint war, wenn einer »Hipster« sagte.

Aber seit der Begriff wieder Teil des Sprechens und Nachdenkens über zeitgenössische Kultur geworden ist, also spätestens seit 2008, als Adbusters zur Hipster-Kritik ansetzte, und verschärft noch einmal ab 2010, als der breit rezipierte n+1-Reader What was the Hipster erschien (Sexbeat war 1985, Twen 1962), war da immer auch eine Unschärfe – wohl auch deshalb, weil diese Begriffsgeschichte des »Hipster« kaum eine Rolle spielte.

Bereits in seinem ergänzenden Kapitel zur deutschen Übersetzung von What was the Hipster (erschienen 2012 unter dem schlichten Titel Hipster) wies Jens-Christian Rabe darauf hin, dass »Hipster« heute (= Anfang 2012) vor allem als Schimpfwort benutzt werde und dabei an Trennschärfe einbüße. Ein »Hipster« sei demnach so etwas wie ein »irrer Idiosynkrat«, ein »krampfiger Exzentriker«, bestenfalls noch ein »Konsum-Avantgardist«, in jedem Fall aber ein Opfer des »Distinktionswahn«.

Zugleich schien es (zumindest mir) noch so, als könne der Begriff des »Hipster« etwas aussagen über unsere Zeit und unsere Kultur, über Postfordismus, Marketing und »creative industries«, über Gentrifizierung, über das Internet, über den Boom des Kunstmarktes, über überqualifizierte und unterbezahlte Absolventen der Kultur- und Geisteswissenschaften, über eine »Subkultur von oben«, nämlich der Kinder von Privilegierten.

Im deutschen Hipster-Buch war zudem neben Rabes Beitrag über »Hipster« als Schimpfwort auch Tobias Rapps Würdigung der »Hipster« als jener Leute zu lesen, die Berlin-Mitte nach dem Mauerfall kulturell urbar gemacht haben, sowie Thomas Meineckes und Eckhard Schumachers (ziemlich verkopfte, aber auch:) zärtliche Würdigung des »Hipsters« als Archetyp der Pop- und Underground-Geschichte. Oh, schillernde Ambivalenz!

Vom »verflixten H-Wort« schrieb eine Autorin des Freitag 2012, als die damalige Spex-Chefredakteurin Wibke Wetzker und ich eine Podiumsdiskussion moderierten mit Rabe, Rapp, Meinecke und dem Herausgeber des n+1-Readers, Mark Greif. »Verflixt« trifft es gut. Es gab auch Plädoyers dafür, das H-Wort ganz aufzugeben.

Seitdem ist alles nur noch schlimmer geworden. War man sich 2012 immerhin noch einig gewesen, dass die echten »Hipster« in Brooklyn oder vielleicht noch in Kreuzkölln lebten (jedenfalls nicht in München, da schien sich Jens-Christian Rabe sicher, der selbst von der Isar zu unserer Diskussion nach Berlin angereist war) und eine Minderheit, einen mysteriösen Geheimbund oder sogar eine Avantgarde darstellten (und sei es bloß eine »Konsum-Avantgarde«), so sind 2013 auch diese Gewissheiten passé.

In der Oktober-/November-Ausgabe des Merkur war in einem ansonsten aufschlussreichen Text über den Eurovision Song Contest wiederholt von der »Hipster-Hegemonie« in den deutschen Medien zu lesen (und alle so: whaaat?). Und in der Dezemberausgabe des journalist werden Redakteure der Münchner Zeitschrift Nido als »Hipster mit Kind« charakterisiert, während ihre Kollegen bei Neon »Hipster ohne Kind« seien.

Wenn »Hipster« nur noch ein Synonym für »Snob« ist oder für »junge Leute« oder für beides, dann ist der Begriff wohl endgültig (d.h. zumindest bis zu seiner nächsten Renaissance in zwanzig Jahren) nutzlos geworden.

Andererseits gäbe es da doch noch einige Fragen, die ich gerne beantwortet hätte:

  1. Wieso, wann & durch wen tauchte der Begriff des »Hipster« nach 2000 wieder auf?
  2. Wie kommt es, dass der Begriff »Hipster« nun weiße und ökonomisch privilegierte Akteure beschrieb, und nicht mehr solche, die schwarz und marginalisiert waren oder weiß und marginalisiert und dabei einem (dubiosen) Verständnis von Schwarzsein nacheiferten?
  3. Welche Parallelen gibt es zum »Emo«, ebenfalls ein Begriff für einen popkulturellen Archetyp, der wie jener der »Hipster« im Grunde ortlos ist (weil digital, vgl. dazu Nothing Feels Good von Andy Greenwald) und sich wesentlich über Style definiert (so argumentierten zumindest Martin Büsser und die anderen Autoren von Emo: Porträt einer Szene)?
  4. Wieso darf man »Emos« und »Hipster« hassen? Wie hängt das mit den Körperinszenierungen dieser Gruppen zusammen; was sagt es über einer gesellschaftlichen »Mainstream«, dass er habituelle Abweichungen nicht mehr faszinierend findet, sondern verachtenswert? (Paging Dr. Pfaller!)
  5. Wie verhält sich der »Hipster« zum »Bobo« bzw. »Bionade-Biedermeier« bzw. »Lohas«?

Mein Eindruck ist, dass parallel zur sprachlichen Entwertung des H-Wortes auch das Interesse an ihm und dem, was es zu beschreiben versucht, nachlässt. Doch gibt es keine »Hipster« mehr? Oder sind wir zu dem kollektiven Schluss gekommen, dass über sie zu sprechen unmöglich ist?

In der kommenden Ausgabe von Zeit Campus (Nr. 1/2014, ab 10. Dezember 2013) argumentiert Danilo Scholz, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Niedergang des (amerikanischen) »Hipster« und der Wirtschaftskrise, die eine Sehnsucht nach Aufrichtigkeit nähre (Stichwort Post-Irony).

Womöglich haben sich die Stilprinzipien des »Hipsters« aber auch durchgesetzt? So sehr es bei den Älteren eine neue Aufrichtigkeit geben mag (die aber wohl im »quirky indie« schon angelegt war), agieren doch heute viel mehr Jugendliche wie Hipster als noch vor 2010 – nur dass ihre Spielfelder nicht mehr der eigene Körper und das eigene Auftreten sind, sondern ihre Tumblr-Blogs, in denen sie wahlweise als »irre Idiosynkraten«, »krampfige Exzentriker« oder »Konsum-Avantgardisten« auftreten.

Die New Aesthetic, die dem »Mainstream« bis zu den Knien steht, wie zuletzt etwa Miley Cyrus‘ Performance auf den American Music Awards zeigte (die Bühne als Tumblr!), ist doch ein bisschen auch ein Sieg des Hipsterism, non?

P.S.: Kurz nachdem dieses Posting veröffentlicht war, entdeckte ich die folgende Nachricht:

According to Tumblr, the most popular fashion trend of 2013 is #hipster.

… mehr dazu im Blog des New York Magazine.

3 Kommentare zu „Darf man noch »Hipster« sagen? Und was hat das mit Miley Cyrus zu tun? Schnelle Zwischenbilanz zur jüngsten Begriffsgeschichte“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s