Geschichten, Geschichten, Geschichten: Auszüge aus Büchern von Gideon Lewis-Kraus und Nora Gantenbrink in ZEIT CAMPUS

Ein Auszug aus Gideon Lewis-Kraus' Reisememoiren "Die irgendwie richtige Richtung" in ZEIT CAMPUS 6/13

Abb. 1: Ein Auszug aus Die irgendwie richtige Richtung liegt der nächsten Ausgabe von ZEIT CAMPUS bei (das Ding in gelb)

Übermorgen erscheint die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS (Nr. 6/13). Wir haben mal wieder eines dieser Pixiehefte für Erwachsene auf dem Cover kleben: Einen kleinen, giftig-gelben Literaturbeileger mit Auszügen aus dem Buch Die irgendwie richtige Richtung von Gideon Lewis-Kraus, das gerade bei Suhrkamp erschienen ist.

Auf den ersten Blick ist nicht viel Interessantes an diesem Buch: Es handelt sich um die Erinnerungen eines Amerikaners, der in Berlin lebt und die Stadt erst wahnsinnig hip und voll »arm aber sexy« findet, später aber oberflächlich und doof. Was macht er also? Er geht pilgern. Nach Santiago de Compostella. Wie neulich dieser Fernsehclown. Supergähn.

Geilerweise ist Literatur – auch: Non-Fiction-Literatur – aber mehr als nur Plot. Mir hat Die irgendwie richtige Richtung sehr gut gefallen, als ich mich erst eingelassen habe auf die langsame, feinsinnige und auf kluge Weise humorvolle (ürgs, Literaturkritiker-Adjektive!) Erzählweise von Gideon Lewis-Kraus.

Irgendwo aufgeschlagen und wahllos zitiert:

Am Morgen kaufe ich mich mir einen Wanderstock, entdecke meine erste Blase und mache daraus sofort ein Drama. Tom erinnert mich daran, dass seine beiden Füße jeweils mindestens acht Blasen aufweisen und frühlingshaft in voller Eiterblüte stehen. »Ich finde, du gibst dir nicht genug Mühe, den ernsthaften Schmerz zu begreifen, den ich empfinde. Oder es ist dir scheißegal«, sagt Tom. Ich verstehe das natürlich als allumfassende Kritik und muss immer wieder darüber nachdenken, während wir durch die stille Hitze des Morgens marschieren.

Oh, wie existenziell sich Krisen anfühlen können, die sich im Weltmaßstab wohl eher als Kriselchen erweisen. Das Buch handelt eben nicht von Berlin und auch nicht vom Pilgern, zumindest nicht primär, sondern von einem Typen nach dem Hochschulabschluss, dessen größten Probleme psychologisch und dessen bevorzugten Lösungen geografisch sind. Hier bin ich nicht glücklich? Dann ziehe ich halt dort hin. Dort bin ich auch nicht glücklich? Dann vielleicht noch ein Umzug. Irgendwann merkt der Typ: Auf Dauer ist das keine Lösung.

Die irgendwie richtige Richtung ist sicher kein Generationenroman (schon allein deshalb, weil es kein Roman ist), aber Gideon Lewis-Kraus fängt ausgesprochen gut eine Stimmung ein, die in einer einigermaßen jungen, einigermaßen verwöhnten und einigermaßen rastlosen Schicht herrscht.

Weit aus dem Fenster gelehnt, rufe ich in die Welt: In ein paar Jahrzehnten wird dieses Buch den Menschen helfen, die Stimmungen und Krisen unserer Gegenwart zu verstehen – so wie einst Joan Didion oder Tom Wolfe die Stimmungen und Krisen der späten Sechziger Jahre konservierten. Mein Eindruck ist, dass man beim Lesen von Gideon Lewis-Kraus Memoiren viel lernen kann, womöglich sogar über sich selbst.

Übersetzt hat das Buch übrigens Thomas Pletzinger, der sich zuvor schon Jon Jeremiah Sullivans Reportagensammlung Pulphead vorgenommen und selbst die buchlange Basketballreportage Gentlemen, wir leben am Abgrund geschrieben hat. Ein guter Typ, ganz offensichtlich.

Killerüberleitung: Nicht nur vom Plot sollte man sich manchmal nicht abschrecken lassen, sondern auch vom Titel nicht. Verficktes Herz, die Kurzgeschichtensammlung von Nora Gantenbrink, ist seit Kurzem im Buchhandel. Nora war die Preisträgerin des letzten ZEIT CAMPUS-Literaturwettbewerbs, ihre Siegergeschichte Na, dann. kann man hier lesen, ihre Geschichte Höhlentage ist in der gerade noch aktuellen ZEIT CAMPUS-Ausgabe 5/13 abgedruckt, alle anderen Geschichten, wie gesagt, in diesem Buch mit dem eher fiesen Titel.

Ich habe mich seit dem Wettbewerb ein- oder zweimal mit Nora betrunken und bin ein Fan, deshalb ist diese Einschätzung wie so oft in diesem Blog mit Vorsicht zu genießen, aber: ihre Geschichten sind sehr gut, glaube ich. Wer mir das nicht abnimmt, vertraut vielleicht meinen werten Online-Kollegen.

Ein Vorabdruck aus Nora Gantenbrinks Kurzgeschichtensammlung Verficktes Herz erscheint in ZEIT CAMPUS 5/2013

Abb. 2: Höhlentage, ein Vorabdruck aus Nora Gantenbrinks Kurzgeschichtensammlung, ist in ZEIT CAMPUS 5/13 erschienen

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