Nordsee ist Mordsee: Astrid Dehe und Achim Engstler erzählen in Auflaufend Wasser von dem ertrunkenen Seemann Tjark Evers

Astrid Dehe & Achim Engstler - Auflaufend Wasser (Steidl, 2013)

Abb.: Astrid Dehes und Achim Engstlers Novelle Auflaufend Wasser (Steidl, 2013). Gießkanne: Stylist’s own.

Ein Buch, bei dem es mir in diesem Jahr die Sprache verschlagen hat, ist Auflaufend Wasser von Astrid Dehe und Achim Engstler (erschienen bei Steidl und nominiert für den Debütantenpreis des Hamburger Harbour-Front-Literaturfestivals). Um es gleich vorweg zu sagen: Als Novelle ist dieser Text unausgegoren. Aber er hat eine seltene Wucht, die ihn lesenswert macht.

Das liegt vor allem an dem Stoff des Autorenduos: Dehe und Engstler schreiben über Tjark Evers, einen Schifffahrtschüler, der zu Weihnachten 1866 seine Familie auf der Nordseeinsel Baltrum mit einem Besuch überraschen will. Zwei Bekannte rudern ihn an einem nebligen Morgen vom Festland aufs Meer, setzen ihn am Strand ab und stechen wieder in See – nur, dass es gar nicht der Strand von Baltrum ist, an dem Evers aussteigt, sondern eine höherliegende Sandbank im Meer, die von der Ebbe freigelegt worden ist.

Jetzt kommt die Flut, das Wasser läuft langsam auf, steht Evers erst bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Knien, dann bis zum Rumpf, und er versteht, dass ihm nur noch wenige Stunden bleiben, bis er ohne Aussicht auf Rettung in der eisigen Nordsee ertrinken wird.

Der Fall von Evers ist historisch überliefert, bekannt deshalb, weil Evers an diesem Morgen ein Notizbuch zieht und Abschiedsbriefe an seine Eltern schreibt, die einige Tage später an einer Nachbarinsel angeschwemmt werden und heute im Inselmuseum von Baltrum zu sehen sind. Seine Leiche bleibt verschollen.

Oft wurden damals tote Körper an den Nordseestränden angespült, schreiben Dehe und Engstler:

Manchen der im 19. Jahrhundert ertrunkenen Schiffer, Steuermänner und Matrosen hat die Nordsee wieder freigegeben […]. Wie viele es waren, bleibt offen; Zahlen haben wir nicht zur Hand. Sicher ist, dass diejenigen, deren zerschundene, verweste, skeletierten Körper an irgendeiner Küste, am Strand irgendeiner Insel antrieben, in den allermeisten Fällen als unbekannte Tote begraben wurden. […] Die See hatte den Betreffenden ihr Leben nicht nur genommen, sie hatte es auch zum Fragment gemacht, zu einem Satz ohne Punkt, zu einem Ende ohne Anfang.

Es sind namenlose Seefahrer, Unbekannte, Unidentifizierbare, »Leichen ohne Geschichte«. Der Fall Tjark Evers hingegen sei einzigartig: Eine »Geschichte ohne Leiche«.

Ein Mensch sieht den Tod kommen, ahnt, dass niemand ihn retten wird, und beginnt zu schreiben, weil es das einzige ist, was dieser Situation etwas Würde abringt. Das ist ein irrer Stoff, den Dehe und Engstler akribisch nachrecherchiert und neu zu Papier gebracht haben.

Ihre Sprache ist durchdrungen von historischen Zitaten (aus der Bibel, aus dem Lehrbuch der Navigation und ihrer mathematischen Hülfs-Wissenschaften, nicht zuletzt aus den Briefen Tjark Evers) und von maritimem Vokabular, Plat, Ee, Kuff, Klüver, die Männer in diesem Buch heißen Honke, Remmer, Claas und Reemts. Ich finde das toll, mich als Wahlhamburger und Neo-Norddeutschen kann man mit so was beeindrucken.

Etwas irritierend finde ich, dass Dehe und Engstler ihr Buch Tjark Evers widmen (das ist albern, denn die Funktion des Buches ist doch ohnehin, die Erinnerung an ihn wachzuhalten) und konsequent von »Tjark« schreiben, eine Form des Ranwanzens, die mir unangemessen erscheint bei einem Menschen, der niemals unser Kumpel werden kann, sondern uns ewig fremd bleiben muss, weil er vor mehr als 150 Jahren starb.

Die wesentliche Schwäche von Auflaufend Wasser ist aber, dass Dehe und Engster dem historischen Stoff nichts hinzuzufügen haben – und es trotzdem tun. Statt die Geschichte von Tjark Evers detailgetreu nachzuerzählen, wollen sie ihren Protagonisten psychologisch ausdeuten. Was war das für ein Typ? Was dachte er? Diese Fragen interessieren Astrid Dehe und Achim Engstler und sie nehmen sich das Recht heraus, sie zumindest teilweise zu beantworten.

Zugleich wollen sie Evers aber auch nicht Unrecht tun. Statt wild zu fabulieren und dem realen Fall einen historischen Roman überzustülpen, tapsen sie also auf Zehenspitzen um die überlieferten Fakten herum, fiktionalisieren hier ein bisschen und da ein bisschen.

Dehe und Engstler denken sich etwa aus, dass vor Evers Tod noch eine Möwe vorbei fliegt. Und, dass er zu halluzinieren beginnt und am Horizont Schiffe sieht. Und, dass sein Vater zum einjährigen Todestag das immer noch klamme Notizbuch hervorholt und die Briefe des verstorbenen Sohnes vorliest. Mit Verlaub, das ist banal.

All diese Vermutungen hätte man mit einer relativierenden Vorbemerkung einleiten können, »vielleicht fliegt eine Möwe vorbei«, »womöglich zieht der Vater das Buch«, ohne sie dadurch schwächer zu machen, als sie sind.

Auch hätte der Stoff, die atmosphärische Sprache, die oft kluge Erzählweise nichts verloren, wenn Dehe und Engstler auf die Introspektion verzichtet hätten. Kann ein erwachsener Mensch des 21. Jahrhunderts einen Jugendlichen des 19. Jahrhunderts bis ins Innerste verstehen? Daran zweifle ich. Sehr.

Dehe und Engstler unterstellem ihrem Protagonisten etwa wiederholt ein »Gefühl von Sieg«, nachdem er aus dem Boot steigt und noch nicht ahnt, dass er bald sterben wird. Warum machen sie das? Weil »Hochmut vor dem Fall« kommt? Was für eine unnötige Moralisierung!

Ich verstehe nicht, warum es überhaupt nötig war, diesen Stoff als Novelle zu erzählen und nicht als historische Reportage über den Fall Evers oder als Essay über das Leben am Meer als Leben mit dem Tod. Auflaufend Wasser hätte ein großartiges journalistisches Buch werden können. Stattdessen ist es nun ein durchwachsenes literarisches.

Am stärksten ist Auflaufend Wasser da, wo die beiden Autoren annäherungsweise die Stimmung des maritimen Lebens im 19. Jahrhundert beschwören. Und da, wo sie nüchtern, präzise, fast klinisch formulieren:

Ertrunkene, sagt man uns, gehen unter. Der Körper befindet sich in Bauchlage, der Rumpf ist durch die in Lungen und Darm verbliebene Luft angehoben, Stirn oder Schädeldecke, Handrücken, Fußrücken und Knie haben Grundkontakt, was bei Bewegungen in der Grundströmung zu typischen postmortalen Verletzungen führt. […] Kommt es zum Kontakt mit Schutzwerken, Schleppnetzen, dem Kiel oder dem Ruder des Schiffes, entstehen weitere Verletzungen: Haut und Weichteile können zerschnitten, Knochen zertrümmert, Gliedmaßen oder der Kopf abgetrennt werden.

Wie sehr die beiden die Landlust-Idylle des Küstenlebens entzaubern! Wie viel Demut sie dem verwöhnten, modernen Leser vor den Naturgewalten abverlangen! Wie grausam diese Sätze klingen, wenn man gerade begonnen hat, den hilflosen Körper, der da vom Meer verstümmelt wird, als den eines echten Menschen zu begreifen!

OK, das waren jetzt ein paar Ausrufungszeichen zu viel, aber wie gesagt: An diesen Stellen packt mich der Text von Dehe und Engstler, den ich trotz seiner Schwächen weiterempfehle.

1 Kommentar zu „Nordsee ist Mordsee: Astrid Dehe und Achim Engstler erzählen in Auflaufend Wasser von dem ertrunkenen Seemann Tjark Evers“

  1. Ich habe das Buch zwar noch nicht gelesen, aber verstehe deine Kritik daran vollkommen. Eine gute narrative Reportage ist sicher bei einem historischen Fall angebrachter. Aber das Cover dieses Buches finde ich jedes Mal, wenn ich es sehe, bezwingend und bedrängend. Das Wasser steigt und man kann nichts dagegen tun. Es muss auf jeden Fall einen Preis bekommen.

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