Webserie »Shore, Stein, Papier«: Der Ramschladen YouTube probiert Journalismus – und das kann sich sehen lassen

Video: Die zweite Folge von Shore, Stein, Papier, einer Interview-Serie auf YouTube

Ein Typ sitzt am Küchentisch und erzählt von Heroin. Und von allem, was passierte, nachdem er mit 15 Jahren das erste Blech »Shore« geraucht hat. Er hat keinen Namen (manche nennen ihn $ick), aber man kann ihm ins Gesicht sehen und seine Stimme hören. Und: Er kann toll erzählen. Es geht um seine Geschichte, grob chronologisch, in kurzen Episoden: Familie, Freundschaft, Drogen, Dealen, Knast.

Im Hintergrund dudelt ein penentrantes Klavier, immer wieder wechselt die Kamera in eine irritierende schräg-von-oben-voll-auf-die-Geheimratsecken-Perspektive. Aber egal: Das alles kriegt die Serie Shore, Stein, Papier nicht kaputt, denn sie lebt von dem intimen Setting und von dem Temperament und der Lebensgeschichte von $ick.

Der namenlose Protagonist erzählt diese Geschichte, als würde er mit einem alten Freund reden. Er sitzt stets an einem Tisch, mal in der Küche, mal im Wohnzimmer, mal mit einem Joint, mal mit einer Zigarette in der Hand. Die offensichtlich am Stück aufgenommenen Gespräche sind grob zu Themenblöcken zusammengeschnitten.

… schreibt Eike Kühl im Netzfilmblog von Zeit Online.

Das alles wäre keine Überraschung, wenn Shore, Stein, Papier auf dem Online-Video-Kanal der Zeitschrift Vice veröffentlicht worden wäre. Dort laufen üblicherweise die Dokumentationen über Themen, die das Fernsehen übersieht (zum Beispiel über Antikapitalismus, die Heavy-Metal-Szene im Irak oder Männer, die mit Eseln schlafen). Dort wird mit neuen Formaten und Zugängen und Formen der Nähe experimentiert (die, zugegeben, manchmal auch problematisch sind). Dort gibt es auch eine der besten Talkshows, die ich kenne: Soft Focus mit Ian Svevonious und seinen ironischen, ernsthaften, schillernden Gesprächen über Pop, Ästhetik, Subkultur.

Shore, Stein, Papier läuft hingegen auf einer Website, die ich für passé hielt: YouTube. Früher war das mal das größte Musikvideoclip-Archiv der Welt, heute, weil Google keine Gema-Gebühren bezahlen will, ist YouTube eher sowas wie eine Müllhalde für Medientrash. Schöner, klüger und weniger ramschig ist längst der Konkurrent Vimeo.

Daran wollen die Besitzer von YouTube nun offenbar etwas ändern. Urheber der Serie Shore, Stein, Papier ist eine Produktionsfirma namens zqnce, die von Google bezahlt wird, wenn es stimmt, was Airen heute in Die Welt schreibt:

Zqnze [sic] ist einer der zwölf deutschen Youtube-Original-Channels, die im vergangenen Jahr anliefen. Die Kanäle wurden von Youtube vorfinanziert und sollen professionell produzierte Inhalte auf die Videoplattform bringen. International läuft das Programm schon seit 2011, in den USA gingen damals 100 neue Kanäle an den Start, darunter auch die von Prominenten wie Madonna oder Ashton Kutcher. Der Youtube-Eigner Google steckt viel Geld in seine Vision des Fernsehens von Morgen, allein für den auf zwei Jahre angelegten Testlauf sind 300 Millionen Dollar veranschlagt.

In Deutschland geht das alles eine Nummer kleiner. Neben Fitnesstipps und Motorsport gibt es bei den deutschen Original Channels viel lärmenden Klamauk aus alteingesessenen Häusern wie Ufa oder Endemol. In diesem Umfeld ist zqnze der Underdog, unpoliert und holprig, aber mit Street Credibility.

Wir werden sehen, wo das noch hinführt, schlecht ist die Richtung auf jeden Fall nicht. Oben eingebettet ist die zweite Folge von Shore, Stein, Papier, in der es um das erste Mal Heroin geht. Und hier gibt’s die ganze Serie, die immer noch fortgesetzt wird. Außerdem ist sie eingereicht für den Deutschen Webvideopreis, der am 25. Mai in Düsseldorf vergeben wird.

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