»Plädoyer für einen ehrenwerten Begriff«: Rolf Bauerdicks Buch Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

Rolf Bauerdick: Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk (DVA, 2013)

Abb.: Der Reporter Rolf Bauerdick berichtet in Zigeuner über seine Reisen – und streitet für einen »ehrenwerten Begriff«

Der Titel des Buchs von Rolf Bauerdick ist eine Provokation. Er lautet: Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk. Wenn man auch sonst nichts über die Menschen weiß, um die es hier geht, so meint man doch wenigstens zu wissen, dass es sich nicht um ein Volk handeln kann, sondern mindestens um zwei. Und, dass man nicht »Zigeuner« sagt, sondern Sinti und Roma. Doch Bauerdick hält nichts von solchen Sprachregelungen und jenen, die sie einfordern.

Sein Buch ist als Reportage angelegt. Doch über weite Teile liest es sich wie eine Streitschrift: Wenn Bauerdick über Antiziganismusforscher und den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma schreibt, dann oft kritisch und manchmal spöttisch. Er schimpft über »Normierungszwang«, »Korrektheitswahn« und den »Amoklauf der politischen Korrektheit«. Und Günter Grass unterstellt er »grenzenlose Naivität«, weil dieser ein europaweites Bleiberecht für Roma gefordert hatte.

Was macht Rolf Bauerdick so zornig?

Als Fotograf und Autor ist Bauerdick, Jahrgang 1957, ein Reporter der alten Schule. Seine Bilder sind ausdrucksstark und oft schwarz-weiß (zwei von ihnen schmücken den Umschlag seines Buches), seine Texte Sozialreportagen über Abgehängte und Marginalisierte: Für den Stern berichtete er über die Kohlenausträger der DDR, die nach der Wiedervereinigung um ihre Existenz fürchteten. Für Brigitte besuchte er Frauen, die in der Kanalisation der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator leben. Und immer wieder reiste Bauerdick »zu Zigeunern«, wie er schreibt, zum Beispiel als Fotograf für den Spiegel. Mehr als hundert solcher Reisen habe er unternommen, nach Bulgarien, nach Rumänien, in den Ruhrpott.

Um zu verstehen, wieso Rolf Bauerdick auf das Wort »Zigeuner« besteht, lohnt es sich, das achte Kapitel seines Buches zuerst zu lesen. »Plädoyer für einen ehrenwerten Begriff« heißt es. Dort schreibt Bauerdick:

Um es klar zu sagen: Es ist respektlos, einen Sinto oder eine Sintezza ‚Zigeuner‘ zu nennen, wenn diese nicht Zigeuner oder Zigeunerin genannt werden wollen.

Doch ähnlich falsch sei es, darauf zu bestehen, dass »Zigeuner« ein Schimpfwort sei. Bauerdick berichtet von Menschen in Rumänien, die darauf bestehen, Zigeuner genannt zu werden, weil sie Roma für Kriminelle halten. Er verweist auf die Ausschwitzüberlebende Philomena Franz, die sich in ihrer Autobiografie in erster Linie als Zigeunerin beschreibt und erst in zweiter als Sintezza. Und er zitiert mit einiger Irritation Journalisten, die stets »Sinti und Roma« schreiben, statt zu unterscheiden – und die folglich auch Roma sehen, wo eigentlich nur Sinti leben, oder Sinti mit in die Pflicht nehmen, wo ausschließlich Roma gemeint sind. Bloß »Zigeuner« durch »Sinti und Roma« zu ersetzen, ist demnach nicht genug.

Bauerdick meint,

dass sich die Bundesrepublik ohne das kämpferische Auftreten des Zentralrats in den achtziger Jahren fraglos aus ihrer historischen Schuld und Verantwortung herausgeschlichen hätte.

Das »Z-Wort« und seine sozialen Zuschreibungen tabuisieren zu wollen, schieße aber übers Ziel hinaus. Die Klischees in Schlagern wie Alexandras »Zigeunerjunge« seien zwar »dämlich«, aber kein Grund, ihren Urhebern rassistische Hetze vorzuwerfen. Denn eine derart moralisch aufgeheizte Stimmung mache es schwierig, differenziert über soziale Missstände zu diskutieren. Er fürchtet ein Klima, in dem Politiker und Journalisten nicht mehr sprechen können, ohne als Nazis beschimpft zu werden.

Günter Grass‘ Forderung nach bedingungsloser Freizügigkeit ignoriere Menschenschlepperei und Zwangsprostitution als deren mögliche Konsequenzen. Wie in allen Menschengruppen gebe es unter Sinti, Roma und selbsterklärten Zigeunern nicht nur Opfer, sondern eben auch Täter. Eine Plattitüde, könnte man denken, doch eine, über die zu schreiben Bauerdick sehr wichtig ist.

Beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sorgt Bauerdicks Kritik für Irritation. »Der Zentralrat hat zu keiner Zeit ein Verbot des Wortes Zigeuner gefordert«, schreibt Herbert Heuss in einer E-Mail, der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter des Verbandes. »Der Begriff Zigeuner ist aber nicht wertneutral.« Heuss verweist auf deutsche Mundart-Wörterbücher, welche die negative Konnotation des Begriffs aufzeigten. Wer den Begriff verteidigt, verteidige auch die Definitionsmacht der Mehrheit über die Minderheiten.

»Wirklich infam« sei, wie Bauerdick in seinen eher anekdotisch als analytisch angelegten Reportageszenen über Verwahrlosung, Diebstahl und Zwangsprostitution berichtet. Heuss schreibt:

Der Zentralrat hat immer darauf insistiert, dass Kriminalität bekämpft werden muss. Und gleichzeitig unterstrichen, dass in einem Rechtsstaat der Einzelne für seine Taten verantwortlich ist, und dass es unzulässig ist, diese mit der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit zu verbinden.

Dass Bauerdick die Verbrechen einzelner mit ihrer Ethnie in Verbindung bringt, erinnere an die Parolen rechtsradikaler Parteien. Seine Kritik am »Amoklauf der politischen Korrektheit« gerate zum »Amoklauf der politischen Unkorrektheit«, schreibt Herbert Heuss.

Dabei beschreibt Bauerdick auch die politischen Umständen, die das »ungeliebte Volk« treffen: Versklavung bis ins 19. Jahrhundert, Ausbeutung unter den sozialistischen Regimen, Verarmung nach der wirtschaftlichen Liberalisierung, Gewalt und Stigmatisierung in Zeiten der nationalistischen Aufwallungen.

Und obwohl Rolf Bauerdick von »Zigeunern« spricht, macht er klar, dass es »den Zigeuner« nicht gibt, sondern unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen und Traditionen. Der Reporter sieht ein, dass er dazu verdammt ist, auf ewig Gadscho zu bleiben, was »Nichtzigeuner« heiße, aber »auch Dummkopf, Bauer oder Feind bedeuten kann«. Daraus leitet er ab, dass er niemals für »die Zigeuner« sprechen kann, sondern nur mit ihnen. Mit dem Zentral Deutscher Sinti und Roma, sagt Herbert Heuss, habe Rolf Bauerdick jedoch nicht gesprochen.

Rolf Bauerdicks Buch ist bei DVA erschienen. Eine leicht bearbeitete Version dieser Besprechung wurde heute bei Spiegel Online veröffentlicht.

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