Ein Heimatroman in Fraktur: Lang war der Weg von Henriette Brey

lang war die zeit, roman von henriette brey (foto cc nc by oskar piegsa)
Abb.: Henriette Breys Roman Lang war der Weg aus dem Jahr 1940

Im alten Kinderzimmer, dem über die Jahre eine zweite Funktion als Abstellkammer zugewiesen worden war, fand ich ein Buch, dessen Herkunft ich nicht mehr einwandfrei klären konnte: Lang war der Weg von Henriette Brey. Ein Heimatroman in Fraktur, erschienen im Verlag der Thomas-Druckerei in Kempen, im Jahr nach dem deutschen Überfall auf Polen. Das Thema: Liebe, Schuld und Sühne am Niederrhein. Die Sprache: überbordend und schamlos. Heile Welt, Natursehnsucht und Heimatkitsch. Eine echte Osterentdeckung.

Die Handlung von Lang war der Weg ist deutlich vor dem Nationalsozialismus angesiedelt, vermutlich sogar vor dem Ersten Weltkrieg, genauer kann ich das nicht einordnen. Die Elektrizität ist zwar schon entdeckt, ansonsten bleibt es aber rustikal, ohne Erwähnungen von Autos oder technischen Geräten. Stattdessen geht es ganz um Mensch und Natur. Und um die menschliche Natur, die ausbrechen will aus gesellschaftlichen Grenzen.

Die Hauptfiguren sind Werner und Luzie, die schwer verliebt sind. Alles gut? Im Gegenteil:

Und er dachte, es müßte eine reizvolle Aufgabe für einen Mann sein, dies taufrische, schöne und kluge, dabei unverbildete Geschöpf hineinzuführen in alle Wunder von Natur und Kunst und sie heranzubilden zu … Doch wohin ging sein Träumen? Es konnte ja nie Wirklichkeit werden: er, der arme Student, und sie, die einzige Tochter des stolzen Bauern!

Während einer romantischen Nachtwanderung (»duftschwangere Wogen von Rosenatem wehten über ihren Weg, mischten sich mit dem Waldesodem«) kommt es zur Aussprache der beiden. Luzie, sinngemäß: Alter, Werner, brich das olle Germanistikstudium ab und werd Bauer, ich weiß doch, dass du Tiere liebst! »Ach Kind, das genügt nicht!«, sagt Werner: »Mein Feld ist die Wissenschaft.«

Es wird tragisch enden mit Luzie und Werner. Aber es gibt ein Trostpflaster: Werner begegnet Gisela. Die ist nicht mehr »taufrisch« und auch nicht »unverbildet«, sondern schon was älter und studiert Medizin. Macht aber nix:

Zu dieser Gisela Waldhoff fühlte er sich schon nach diesem kurzen Abend hingezogen. Er erkannte in ihr einen Menschen, der einem geistigen Leben geöffnet und doch ganz fühlende Frau geblieben war.

So gesehen ist das Trostpflaster sogar der Hauptpreis. Ein Glück, lieber Werner! Beruflichen Erfolg hat er auch: Die Kinder in seiner Dorfschule lieben ihn als Lehrer. Und die Fachwelt jubelt über seine wissenschaftlichen Abhandlungen. Doch halt, was wird aus Luzie? Wird nicht verraten. Fragen Sie den Antiquar ihres Vertrauens.

Blöder Plot, unglaubwürdige Protagonisten, voll sexistisch, ey? Stimmt womöglich. Wobei im weiteren Verlauf des Romans zärtliche Vaterschaft & Großvaterschaft und eine Patchwork-Familie beschrieben werden – und all das wirkt nicht gerade nach soldatischen Männer- und konservativen Familienbildern. Aber das Wichtigste an diesem Buch sind ohnehin nicht die Handlung oder die Figuren, sondern die Szenerie am Niederrhein.

Viele Kapitel beginnen mit einer Beschreibung der Landschaft und der Jahreszeit. Mir macht Spaß, wie verschwenderisch Henriette Brey dabei mit Sprache umgeht. Und wie wenig Angst sie vor Kitsch hat.

Ein Beispiel:

Der Spätherbst verschenkte als letzte Gabe noch ein paar seidigwarme Sonnentage, bevor raue Winde das letzte Goldlaub abrissen und die Novembernebel die fahlen Bäume mit grauen Schleiern umzogen.

Oder:

Wie sind die Sommerabende berückend schön! Langsam färbt sich der türkisene Seidenhimmel im Westen grün- und lilastreifig und tränkt sich dann mit warmem Purpurgold, das die Leuchtkraft der Blüten noch steigert zu einem flimmernden Lebensüberschwang.

Oder:

Ob irgendwo in der Welt der Frühling süßer und inniger ist als am Niederrhein? Vielleicht, weil eine so festlichlange Vorfreude darauf wartet, ein herzpochendes Erwarten? Er kommt so zögern. Es währt so lange, ehe eine grüner Anflug sich um das fahle Geäst spinnt. Es dauert so lange, bis die Weidenkätzchen ihr Pulvergold verstäuben. Bis die Knospen anschwellen, mit Geheimnissen holder Blüten im Innern. Wer Ohren dafür hätte, könnte das starke Herz der Erde pochen hören, den heißen Atem ihrer Schöpferfreude.

Ist das nicht herrlich überkandidelt? Ich tippe mal: Das ist camp auf deutsch.

Während die Großstadt die Menschen hier aufeinanderdrängt und doch vereinsamen lässt, tritt die Natur als Verlängerung ihres Innersten auf. Sie weiß die Gefühle der Protagonisten besser auszudrücken, als es diesen selbst gelänge. Es handelt sich bei Lang war der Weg um einen Heimatroman, wie er im Buche in der Wikipedia steht – der aber dennoch sicher keine Blut-und-Boden-Literatur ist, bloß bieder und eher christlich inspiriert.

Henriette Brey hat viel geschrieben, neben den Heimatromanen auch biblische Romane, eine Bibliographie zählt insgesamt 57 Titel. Teilweise wurden ihre Bände übersetzt oder erschienen, wie dieses Buch, in der stolzen Auflagen von 60.000 Exemplaren. In Geldern am Niederrhein erinnert heute noch eine Straße an die einst berühmte, heute halb vergessene Tochter der Stadt.

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