Viel Atmo, wenig Erkenntnis: Die Reportage Davos: Im Disneyland der Großen von Emmanuel Carrère und Hélène Devyneck

davos, by cédric hüsler

Abb.: Hier gehen Konzernchefs trinken. Davos im April 2009, fotografiert von Cédric Hüsler (flickr/CC)

Das beste Buch 2012? Limonow von Emmanuel Carrère. Hier meine Rezension. Sein neues Buch finde ich eher enttäuschend, vielleicht war das unvermeidlich. Davos: Im Disneyland der Großen heißt es. Es handelt sich um eine Reportage, die der Schriftsteller zusammen mit der Journalistin Hélène Devyneck über das Weltwirtschaftsforum geschrieben hat. Davos ist als eBook bei Matthes & Seitz Berlin erschienen. (Mehr über den Verlag und seine neue eBook-Reihe: hier). Die Reportage ist nicht schlecht. Aber sie ist leider auch nicht großartig. Teuflische Vorfreude!

Beim Weltwirtschaftsforum handelt es sich gar nicht um Disneyland (denn, ey, wo ist das Magic Kingdom?), sondern eher um eine alpine Variante des Filmfestivals in Cannes, schreiben Carrère und Devyneck. Mit dem Unterschied, dass hier keine Cineasten und Schauspieler rumlaufen, sondern Politiker und Unternehmer. Davos: Ein Cannes in den Alpen wäre natürlich nicht der bessere Titel gewesen. Aber vielleicht der treffendere.

Die Geschichte des Weltwirtschaftsforums ist den Autoren keine Zeile wert. Was sie fasziniert, ist der messeähnliche Charakter der Veranstaltung. Mit einiger Irritation beschreiben Carrère und Devyneck die Werbesprüche über ein besseres Leben auf einem saubereren Planeten, die sie in Davos lesen (eine Lieblingsvokabel in Davos sei das Wörtchen »beyond«, der seltsamste Werbespruch »Enter the Human Age«) und schütteln eifrig Hände.

Dennoch begegnen die beiden kaum jemandem, der etwas Interessantes zu sagen hat. Ihre Reportage kommt weitgehend ohne wörtliche Rede aus, obwohl ständig neue Menschen auftreten. Schon in den ersten Absätzen führen Carrère und Devyneck mehrere Protagonisten ein, doch keinem davon kommen sie nahe. Immer verharren sie in einer Halbdistanz, die vielleicht auch an der ungewöhnlichen Erzählperspektive liegt: Wer »ich« sagt, kann Gedanken und Gefühle äußern, doch Carrère und Devyneck stehen sich selbst im Weg mit ihrem »wir«.

Die beiden bekommen seltene Einblicke in das Treiben von Davos: Einmal sind sie auf Kneipentour mit Christoph de Margerie, dem Chef des Ölkonzerns Total. Sie erleben informelle Hinterzimmergespräche, die sich ergeben, wenn man die mächtigsten Menschen der Welt für einige Tage in einem Alpendorf zusammenpfercht. Doch auch am Kneipentisch mit Margerie und russischen Oligarchen, wo ein ominöser Deal besprochen wird, bleiben Devyneck und Carrère von einem echten Verständnis der Situation ausgeschlossen – und begnügen sich damit.

Ich bin unzufrieden mit diesem Text, denn Carrère und Devyneck sind gute Schreiber und ihre spöttischen Beobachtungen sind unterhaltsam. Doch sie beschreiben, erklären aber nichts. Davos hat viel atmosphärisches Rauschen, aber keine These, keine Pointe und bietet keine Beurteilung des Weltwirtschaftsforums an, die über das Fremdeln der beiden Autoren hinausgeht. Für einen literarischen Text ist das okay. Aber auch für einen journalistischen?

Der interessanteste Mensch in der Reportage ist Felix Marquardt. Vielleicht wäre es klug und mutig gewesen, ihn in den Fokus zu nehmen – also nicht eine Universalreportage über Davos zu schreiben, sondern ein Porträt über diesen einen Mann. Denn Marquardt, so beschreiben es Carrère und Devyneck, ist ein hauptberuflicher Charmeur. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er damit, die Mächtigen und die Kreativen miteinander ins Gespräch zu bringen und auf Provisionen zu hoffen, sollten sich dabei Deals ergeben.

Bis zum Ende der Reportage bleibt offen: Ist das ein windiger Typ? Oder ist er brillant? Damit steht er exemplarisch für das ganze Weltwirtschaftsforum. Marquardts Werbespruch: »beyond influence«.

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