Hallo Sklaverei: George Saunders tolle/schlimme Kurzgeschichte The Semplica-Girl Diaries

Photo by Anne Heathen (CC license)

Abb.: Hier könnten kleine Mädchen hängen. (Foto von Anne Heathen, unter CC-Lizenz)

Ist ein Amerika vorstellbar, in dem es die Sklaverei wieder gibt? Ein Amerika mit Handys, Geldautomaten und Konzernen, die mit Menschen handeln? Ein Amerika mit Menschenrechtsaktivisten, die nachts über Zäune klettern, Fesseln durchtrennen und dafür von der Regierung gejagt werden?

Auf diese Fragen gibt es nur eine vernünftige Antwort: Nein, unvorstellbar.

Die Sklaverei ist Geschichte und ein nationales Stigma. Die Amerikaner haben scharfe Antidiskriminierungsgesetze verabschiedet. Sie haben zwei Mal einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt. Und überhaupt, niemand braucht in diesem Land noch die körperliche Arbeit ungebildeter Sklaven, wo das große Geld doch in der immateriellen Produktion liegt, in der Herstellung von Marken, Informationen und Finanzmarktwerten.

So dachte ich. Bis ich die Kurzgeschichte The Semplica-Girl Diaries von George Saunders las, die im Oktober auf der Website des New Yorker veröffentlicht worden ist und kürzlich auch in dem Buch Tenth of December (mehr hier).

Die Geschichte erzählt von einem Amerika, das dem real existierenden täuschend ähnlich ist – mit der Ausnahme, dass es wieder Sklaverei gibt, genauer: eine Variante der historischen Schuldknechtschaft (indentured servitude).

Die Semplica-Girl Diaries sind die Tagebücher eines Mannes, dessen Familie kaum mit den wohlhabenden Nachbarn mithalten kann. Der Vorgarten des gemeinsamen Hauses ist verwildert, dem einzigen Auto im Familienbesitz fällt die Stoßstange ab und alle Kreditkarten sind im Minus. Dann gewinnt der Ich-Erzähler ein paar tausend Dollar in einer Lotterie und kauft damit als Geburtstagsgeschenk für seine Tochter Lilly vier Semplica-Girls.

Mit großer Selbstverständlichkeit schildert er, wie er die hübschen kleinen Mädchen aus einigen der ärmsten Ländern der Welt bei einer Firma bestellt, wie sie zu seinem Haus geliefert und an einer Leine in den Vorgarten gehängt werden. Diese Sklaven sind pure Statussymbole. Sie arbeiten nicht in Baumwollfeldern oder Fabriken. Sie hängen als menschliches Ornament in den Vorgärten der Suburbs. Lilly ist begeistert.

George Saunders Kurzgeschichte erzählt im Plauderton von einem Tabubruch, von einem moralischen Totalversagen, doch Täterschaft und Opferschaft bleiben dabei zumindest etwas unscharf. Der Erzähler ist kein ganz und gar unsympathisches Arschloch, er kennt Armut. Er hat es selbst nicht leicht, im Statuswettbewerb mitzuhalten.

Das Schicksal der Semplica-Girls in seinem Vorgarten versucht er vor sich selbst und seinen Töchtern zu rechtfertigen: Diese Sklaven sind nicht wirklich Sklaven, sobald ihr Vertrag ausläuft kommen die Mädchen frei und können ihre Träume verwirklichen. Bis dahin hängen sie ein paar Jahre mit Kabeln in ihren Gehirnen im Vorgarten wohlhabender Familien, okay, aber ist es nicht ein Privileg, dass sie in Amerika sein dürfen? Jeder macht anfangs Scheißjobs, was ist das Problem? It’s the American Dream!

Satiren, Allegorien, Sozialkritik: ohne viel darüber nachgedacht zu haben, hielt ich das für überkommenen Plunder, literarische Mittel, die sich abgenutzt haben. The Semplica-Girl Diaries hat mich aber verunsichert.

Natürlich ist die Geschichte grotesk. Aber ist sie auch unplausibel?

1 Kommentar zu „Hallo Sklaverei: George Saunders tolle/schlimme Kurzgeschichte The Semplica-Girl Diaries

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