»Aufrichtigkeit«: über gute und schlechte Essays

Video: John Jeremiah Sullivan, einer der neuen amerikanischen Essayisten und Ichsager, liest aus Pulphead

»Ich« sagen ist populär in Amerika. Memoiren sind ein literarisches Genre, das sich außergewöhnlich gut verkauft (der Bestseller Eat, Pray, Love soll angeblich für einen Umsatz von 350 Millionen verantwortlich sein) und auch im Journalismus ist die erste Person Singular nicht halb so verpönt wie in Deutschland.

Das traditionelle Genre der Ichsager ist aber der Essay. Schon der Ur-Essayist Michel de Montaigne stellte vor einem halben Jahrtausend seinen Essais die Warnung voran, dass es im Folgenden viel um ihn selbst gehen werde (»Ich male mich selbst ab«).

Seitdem ist der Essay im Laufe der Geschichte mindestens so oft totgesagt worden wie Gott oder die Malerei oder die Geschichte selbst. Trotzdem haben die Ichsager in Amerika heute eine solche Konjunktur, dass es David Brooks im Vorwort der Anthologie Best American Essays 2012 für nötig hält, seine Leser darauf hinzuweisen, dass die besten Essays immer noch von Themen handeln und nicht bloß von ihren Autoren.

Dazu passt, was Adam Kirsch in The New Republic über Autoren schreibt, die er »New Essayists« nennt:

Essayists such as [Davy] Rothbart and [Sloane] Crosley and [David] Sedaris, one might say, represent the prose equivalent of reality TV. They, too, claim to be recording their lives, while in fact they are putting on a performance […]. The essayist is concerned, as a fiction writer is not, with what the reader will think of him or her. That is why the new comic essayists are never truly confessional, and never intentionally reveal anything that might jeopardize the reader’s esteem. »Love me« is their all-but-explicit plea.

Michel de Montaigne nannte 1580 als erstes Kriterium des Essayschreibens die »Aufrichtigkeit« des Autoren, laut Duden die Bereitschaft, »dem innersten Gefühl, der eigenen Überzeugung ohne Verstellung Ausdruck« zu geben. Aufrichtigkeit ist das Gegenteil des Narzissmus (»love me«), den Kirsch den »New Essayists« unterstellt.

Eine neuere Definition des Essays stammt von Jonathan Baskins, einem Redakteur der Zeitschrift The Point, mit dem ich neulich für einen Artikel in der Zeit gesprochen habe. Baskins definierte den Essay als eine Verbindung aus Narrativ und Argument, aus persönlicher Betroffenheit (»ich«) und intellektueller Auseinandersetzung, oder kurz: Als den Versuch etwas zu verstehen, das einem selbst widerfahren ist. Implizit ist auch für Baskins die Forderung nach »Aufrichtigkeit« zentral: Ein unaufrichtiger Essay wäre nach dieser Definition Selbstbetrug.

Das Kriterium der »Aufrichtigkeit« ist problematisch, denn ob ein Text »aufrichtig« ist oder nicht, kann nur sein Autor beantworten. Dennoch gibt es Essayisten, denen man für ihr Ichsagen kaum Narzissmus vorwerfen kann. Sie gehen Risiken ein, machen sich angreifbar, sind – for all practical purposes – aufrichtig.

Ein Beispiel: Ein gewisser S. G. Belknap wird von seiner Freundin verlassen und schreibt daraufhin seine Überlegungen zur Liebe auf. Er liest die Romane von Stendhal und die Flirt-Ratgeber-Bücher von heute und fragt: Welchen Platz hat die Romantik im Zeitalter des schnellen und unkomplizierten Konsums? Belknap schreibt über die Liebe, ohne dafür geliebt werden zu wollen, d.h. ohne Angst vor der Peinlichkeit.

Zweites Beispiel: Julie Park schreibt über die Erziehungsmethoden südasiatischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Sie geht dabei von ihrer eigenen Lebensgeschichte aus und schreibt über unvermeidliche Konflikte zwischen Einwanderern und ihren Kindern. Ihr eigenes Leben zieht Park als Illustration eines größeren gesellschaftlichen Problems heran. Im Grunde ist das beeindruckend uneitel: Wenn sie mehr wäre als »eine von vielen«, gäbe es keinen Grund für sie »ich« zu sagen.

Beide Essays wurden in The Point veröffentlicht. Ein weiteres Beispiel, das Adam Kirsch in Unterscheidung zu seinen »New Essayists« nennt, ist John Jeremiah Sullivan und seine Essay/Reportagen-Sammlung Pulphead.

Das »Ich« allein sagt noch nicht viel aus. Die Frage ist, wofür es gebraucht wird.

[Adam Kirsch via Perlentaucher]

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