Trendthema Tod: Das Interesse am Sterben in Kino, Medien & Pop. Außerdem: John Grays neues Buch über die Todesverdrängung

Abb.: Als das letzte Mal der Tod in mein Leben kam, sah das so aus.

Im Kino, im Pop, in den Medien: Überall wird dieser Tage das Sterben thematisiert.

Im Kino: Ich meine nicht den neuen Bondfilm. Ich meine das Drama Liebe von Michael Haneke, bei dem man zwei Stunden lang einer Frau beim Sterben zusieht. Oder Shut Up And Play The Hits, den tollen neuen Konzertfilm über LCD Soundsystem, dessen permanenter Subtext die ablaufende Lebenszeit seines Protagonisten ist.

Im Pop: Ich meine nicht die Folkloristen der Finsternis im Gothic oder Heavy Metal. Ich meine das neue Album von Tocotronic, das am 25. Januar 2013 erscheint und mit einer Zeile über das baldige Alt- und Kaltwerden von Sänger Dirk von Lowtzow eröffnet wird. Und das Interview des Fotografen Wolfgang Tillmans mit den Pet Shop Boys in der Winterausgabe der Zeitschrift 032c: Drei Künstler, deren bekanntesten Arbeiten das pralle Leben zeigen und besingen, das Raven, das Ficken und die Konsumkultur, sprechen über das Sterben. Die neue Platte der Pet Shop Boys heißt Elysium, nach dem mythologischen Totenreich.

In den Medien: Ich meine nicht Berichte über den nahenden Weltuntergang (sei es durch den Klimawandel oder den Mayakalender oder das Internet). Ich meine die aktuelle Ausgabe von Kulturaustausch, jener Zeitschrift, bei der ich im vergangenen Jahr zum Redakteur ausgebildet worden bin und die jetzt »Vom Sterben« berichtet. Und das neue Wissen-Heft des Spiegels über das »Abschied nehmen«. Und »Leben mit dem Tod«, die Themenwoche in der ARD, die bald anläuft und beworben wird mit dem Slogan: »Sie werden sterben«. Äh, besten Dank für die Info.

Was ist da los? Bilde ich mir das nur ein? Oder woher kommt das plötzliche und breite Interesse, über die eigene Sterblichkeit zu sprechen? Das kann doch nicht nur am Herbst liegen?!

Ich bin ehrlich gesagt ratlos. Und mitschuldig, denn ich habe meinen eigenen, kleinen Teil zum aktuellen Todesdiskurs beigetragen: Mit »Sterben ist irgendwie uncool«, meiner Rezension von Wir werden sein wie Gott, einem neulich in deutscher Übersetzung veröffentlichten Sachbuch des britischen Philosophen John Gray.

Darin versucht sich Gray an einer Kulturgeschichte der Todesverdrängung, beschreibt eindrucksvoll, wie im viktorianischen England, in der Sowjetunion und in unserer westlich-marktwirtschaftlichen Gegenwart der Tod verleugnet wird … wobei sich letzteres ja vielleicht gerade ändert.

Mehr zum Buch von John Gray in meiner Rezension drüben bei Spiegel Online.

2 Kommentare zu „Trendthema Tod: Das Interesse am Sterben in Kino, Medien & Pop. Außerdem: John Grays neues Buch über die Todesverdrängung“

  1. Zumindest was Pop und Kino angeht, würde ich dir widersprechen wollen. Ist das nicht ein Dauerthema im Kino (siehe Dresens „Halt auf freier Strecke“ oder Hanekes Funny Games oder gleich sein Gesamtoutput)? Und im Pop sowieso? „Shut Up and Play the Hits“ hat auch weniger mit ablaufender Lebenszeit (= Sterben??) als mit Älterwerden zu tun, was m.E. nicht unbedingt dasselbe ist.

  2. Guter Einwand, vielen Dank! Du kennst Dich im Kino besser aus als ich, aber mein Verdacht ist, dass „Halt auf freier Strecke“ ein auf ähnliche Weise singulärer Film ist wie „Liebe“?

    „Funny Games“ hat eine andere Qualität – das ist der Unterschied zwischen der Anwendung tödlicher Gewalt und der Reflektion der eigenen Sterblichkeit (nicht aufgrund des Unglücks, dass jemand tödliche Gewalt anwendet, sondern einfach so, als unvermeidlicher Fakt fortschreitenden Alters – egal wie glücklich die Ehe und wie schön die Altbauwohnung und wie dankbar die Schüler und wie distinguiert der eigene Geschmack ist. Egal wie sehr man sich also durch harte Arbeit und große Menschlichkeit die Unsterblichkeit verdient hätte.).

    Insofern passt „Shut Up And Play The Hits“ für mich rein, auch wenn es vielleicht geschummelt ist. Explizit wird nicht thematisiert, dass James Murphy zu sterben in der Lage ist, sondern bloß sein grauer werdendes Haar, seine nachlassende Potenz, seine ablaufende Zeit. Das so explizit zu thematisieren (ähnlich habe ich das Pet Shop Boys Interview gelesen) ist dann doch eher untypisch im Pop, non?

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