Hallo, post-postmoderne Literatur: David Foster Wallace & »The Theory Generation«

Abb.: David Foster Wallace bei einem Vortrag in San Francisco, 2006 (CC-Foto von Steve Rhodes via flickr)

Als Schriftsteller sah sich David Foster Wallace umstellte von Skylla und Charybdis, so etwa beschrieb es der Literaturwissenschaftler Jan Kucharzewski gestern im Hamburger Amerikazentrum: Realistische Romane in der Tradition des 19. Jahrhunderts wollte David Foster Wallace nicht schreiben. Doch auch die postmodernen Texten des 20. Jahrhunderts hatten ihr kritisches Potential weitgehend eingebüßt, seit Stilmittel wie Ironie, moralischer Relativismus und Selbstreferenzialität im Mainstream (und konkret: in der Fernsehwerbung) angekommen waren.

Wie aber lässt sich ein Roman schreiben, der seine Künstlichkeit thematisiert, sich aber dennoch verbindlich und verantwortlich zu einer wie auch immer gearteten außerliterarischen Wirklichkeit verhält?

DFW versuchte es mit seinem Überwältigungswerk Infinite Jest (1996): ein in der deutschen Übersetzung Unendlicher Spaß (2009) mehr als 1500-seitiger Roman, der – wenn ich das gestern Abend richtig verstanden habe – mit einem moralischem Impetus und ohne einer geschlossenen Form antritt. Ein Text, der Probleme der (postmodernen) Theorie verhandelt und essayistische Exkurse ins Nichtfiktionale unternimmt. Sollte man sich für dieses Buch zweieinhalb Wochen Urlaub nehmen? Seit gestern Abend denke ich: man sollte.

DFW war aber nicht der einzige Schriftsteller, der sich nicht zwischen Realismus/Postmoderne entscheiden wollte, bzw., der in einer Kultur der Postmoderne aufwuchs, die den Realismus zwar überworfen hatte, sich selbst aber nicht als die allergeilste Alternative entpuppte.

By the end of the ’90s, the easy equation that Theory gave you — realism is a tool of capitalist rationality, a product and not an imaginative artifact, a tool of the status quo — had the feel of a truism. But once an argument hardens into a truism, a response is likely already underway.

… das schreibt Nicholas Dames in seinem Essay »The Theory Generation« in n+1 und macht eine neue Schule amerikanischer Schriftsteller(innen) aus – Jonathan Franzen, Jeffrey Euginides, Jennifer Egan, Lorrie Moore & andere –, die sich ebenfalls an einem post-postmodernen (weil: nicht notwendigerweise anti-postmodernen) Realismus versuchen.

Dabei schlagen sie aber Wege ein, die für ihre Leser weniger strapaziös seien dürften als David Foster Wallaces Infinte Jest – indem sie nämlich ausgerechnet den Bildungsroman (»that most antique of realist modes«, so Dames) ausgraben, ernstnehmen und neuerfinden.

6 Kommentare zu „Hallo, post-postmoderne Literatur: David Foster Wallace & »The Theory Generation«“

  1. Es lohnt sich auf jeden Fall, Zeit in „Unendlicher Spaß“ zu investieren… bei der englischen Ausgabe muss man aber schon sehr firm sein, da er mit sehr vielen Theorien und Spezialausdrücken um sich wirft (die ich zum Teil auch im Deutschen nachgucken musste). Aber es war auf jeden Fall eine tolle Lektüre!

  2. Nun ja, ich habe mir keinen Urlaub dafür genommen und doch ca. zwei Monate gebraucht :-) Man muss schon einiges investieren und es liest sich nicht so runter, aber ich bin froh, dass ich es getan habe :-)

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