Schweine vor Gericht (und Hunde im Museum): zur 500-jährigen Geschichte der Tierrechte & Tierprozesse

Abb.: Kein Schwein anwesend. Der Zentrale Strafgerichtshof in London, gezeichnet von Thomas Rowlandson & Augustus Pugin im Jahr 1808 (via Wikimedia)

»Es gibt in der Schweiz mehr Igelstationen als Frauenhäuser«, schrieb Tin Fischer in der Zürcher Zeitschrift kinki: »Die Tiere hatten hier schon Rechte, da durften die Frauen noch nicht mal flächendeckend wählen.« Seinen Text gibt es auch online sowie hier als PDF zum Download.

Die Tierliebe der Schweizer sei jedoch ungleich verteilt, schreibt Tin: Schwerer als der umsorgte Igel haben es demnach andere Tiere, die dem Menschen nicht ähnlich sehen (Ratten, Schaben, Spinnen, Würmer, Quallen, Schlangen) sowie Tiere, die nur solchen Menschen ähnlich sind, die man eh nicht mag (sogenannte Kampfhunde, also »Terrier-Sorten, die wie Türsteher aussehen«).

Und ganz unten durch sind Fische.

Das macht Tin am Fall des Rechtsanwalts Antoine F. Goetschel fest, der im Kanton Zürich bis 2010 das nach eigenen Angaben »weltweit einzigartige Amt des Rechtsanwalts für Tierschutz in Strafsachen« bekleidet hat und Tiere vor Gericht vertrat. Wenn ein Pony gequält wurde, dann setzte sich Goetschel juristisch für das Tier ein.

Menschen fanden das oft gut, sagt er. Zumindest, solange es um süße Ponys ging. Als Goetschel aber einen Hecht vor Gericht vertrat, sorgte das für öffentliche Empörung. Beispielhaft schrieb ein Kommentator, die Verteidigung des Fisches sei »völlig absurd«. Im selben Jahr scheiterte eine Volksinitiative zur Einführung von Tieranwälten in allen Kantonen. Auch Goetschel verlor daraufhin seinen Job.

Als Tin mir von seinen Recherchen erzählte war ich verblüfft (und noch einmal, als ich seinen Text las). Es war mir bis dahin nicht in den Sinn gekommen, dass Menschen, die von »Tierrechten« sprechen, das wörtlich und in letzter Konsequenz ernst meinen könnten. Tun sie aber.

Und nicht nur das: Es geht längst um mehr als bloß um juristische Grundrechte. Die diesjährige documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev und somit Chefin der wichtigsten Kunstausstellung in Deutschland, erklärte in einem Interview, Teile ihrer Ausstellung seien ausschließlich Tieren vorbehalten.

Hunde sollten sich demnach abseits der kritischen Blicken ihrer Herrchen und Frauchen in aller Ruhe Skulpturen des Künstlers Brian Jungen anschauen.

Oder sie anpinkeln.

Oder tun, was Hunde eben so tun, wenn sie ästhetische und intellektuelle Erfahrungen machen.

Dabei bleibt das zentrales Problem ungelöst: »Was will das Tier überhaupt? Das ist eine Frage, die eigentlich eher Biologen als Soziologen beantworten können«, schreibt Heiko Wernig in einem Essay über die »Tierrechte«.

Selbiges gilt neben den Soziologen wohl auch für die Kuratoren, die Bildhauer und die Juristen.

Also habe ich eine Biologin gefragt, konkret: Julia Fischer, die ein tolles Buch über ihre Affenforschung geschrieben hat, die ich vor einigen Wochen zu einem Interview getroffen habe (erschienen in ZEIT CAMPUS, Nr. 5/2012).

Sie argumentiert contra Tierrecht:

[M]anche menschlichen Konzepte treffen auf Tiere einfach nicht zu. Wir müssen diskutieren, was daraus folgt, wenn wir Affen eine Persönlichkeit zusprechen. Ich denke, dass sie ein Recht auf Unverletzbarkeit haben. Ihnen Meinungs- und Versammlungsfreiheit zuzugestehen wäre aber absurd. […] Wie soll uns ein Hund klarmachen, was er will? Die Idee der Demokratie ist: »Alle Macht geht vom Volk aus.« Von Schimpansen geht aber gar keine Macht aus. Ihre Unverletzbarkeit zu verteidigen ist die Verantwortung von uns Menschen.

Auch wenn Tieranwalt Antoine F. Goetschel bis 2010 ein »weltweit einzigartiges Amt« bekleidete, ist der strafrechtliche Umgang mit Tieren keine Folge der (Post-) Moderne oder des Darwinismus ist.

Nicholas Humphrey berichtet davon, dass bereits 1494 in einem Ort in der Normandie ein Schwein festgenommen wurde. Das Schwein wurde bezichtigt, ein Baby angegriffen zu haben. Das Tier wurde vor Gericht gebracht und zum Tode verurteilt. Anschließend wurde das Schwein hingerichtet – und zwar offenbar mit derselben Sorgfalt und Feierlichkeit wie menschliche Todeskandidaten: Es wurde auf dem städtischen Marktplatz erhängt.

Ging es dabei um Rache? Nein, denn dann hätte man sich das ganze Procedere am Gericht und auf dem Schafott sparen können. Wer an einem Tier Rache nehmen will, der schlägt es einfach tot.

Humphrey schlägt folgende Erklärung für die vielen historischen Gerichtsprozesse gegen Tiere vor:

Taken together, […the] cases suggest that again and again, the true purpose of the trials was psychological. People were living at times of deep uncertainty. Both the Greeks and medieval Europeans had in common a deep fear of lawlessness: not so much fear of laws being contravened, as the much worse fear that the world they lived in might not be a lawful place at all.

Diese Angst scheint uns bis heute zu begleiten – verbunden mit dem utopischen Ideal, wir könnten die Gesetzmäßigkeit, die wir in unserer menschlichen Zivilisation erlangt haben, auch auf die natürliche Welt ausweiten.

Und nebenbei auch noch jene Rituale, die uns bei der Sinngebung helfen (i.e.: der Kunstgenuss).

Bei allem Respekt vor jenen, die das Leid in der Welt mindern wollen und sich berufen fühlen, bei tierischem Leid anzufangen – einige der Folgen sind bekannt: Es gibt mehr Igelstationen als Frauenhäuser in der Schweiz. Es werden in Deutschland Stadttheater geschlossen aber staatlich subventionierte Skulpturenparks für Hunde gebaut. Und fast am schlimmsten: Niemand sorgt sich um die Fische!

Schon in vergangenen Jahrhunderten gab es übrigens Anwälte, die Tiere verteidigten, manchmal sogar mit Erfolg. Nicholas Humphrey berichtet vom Fall mehrerer Ratten, die im 16. Jahrhundert nicht vor Gericht erschienen waren, von ihrem Strafverteidiger aber eloquent in Schutz genommen wurden: Wahrscheinlich hat sie die Vorladung nicht erreicht! Oder sie hatten Angst vor Katzen?

Ob es jemals gelungen ist, einen Hecht erfolgreich zu verteidigen, ist leider nicht bekannt.

3 Kommentare zu „Schweine vor Gericht (und Hunde im Museum): zur 500-jährigen Geschichte der Tierrechte & Tierprozesse“

  1. Das britische Militär vergibt Ehrenorden an Tiere, zuletzt vor einigen Tagen an Theo, den mutigen Bombenschnüfflerhund, berichtet die Daily Mail:

    Theo, a springer spaniel cross, received the PDSA Dickin Medal for life-saving bravery in Afghanistan. […] Since its inception in 1943, it has been awarded to 28 dogs, 32 messenger pigeons, three horses and a cat.

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